Eine Reaktion auf „Auschwitz, die Linken und das Ende des deutschen Jahrhunderts" von Jochen Ebmeier, "Neues Deutschland" vom 30./31. Januar 1999. Dieser Artikel ist im "Neuen Deutschland" vom 13./14. Februar 1999 veröffentlicht worden.
Von Klaus Lederer
„Jeder, der sich dem Konstrukt einer multikulturellen Gesellschaft kritisch nähert, wird von grüner oder PDS-Seite kurzerhand als deutschtümelnd, rechts oder rassistisch beschimpft" schrieb Jörg Schönbohm Ende Juni 1998 in einer Berliner Tageszeitung. Nachdem er solcherart vorweg potentielle Kritiker als Meckerer und Nörgler ausgeschaltet hatte, konnte Schönbohm die „multikulturelle Utopie" als „Aufgabe deutscher Leitkultur" geißeln, „auf deren Entwicklungen und historischen Erfahrungen unsere heutige Verfassung" beruhe. Von dort aus war es nicht mehr weit hin zum Beschwören der „Gefahr tiefgreifender Verwerfungen" in der Gesellschaft durch „ungezügelten Migrationszustrom". Nicht die „Förderung von Parallelgesellschaften innerhalb der deutschen Kultur" könne das Ziel sein, „sondern einzig Integration in unsere politische Kultur". Denn sonst würde eine „Werte-Beliebigkeit" die Folge sein, denn „das Vorhandensein eines Konsenses über die Leitkultur ist eine Voraussetzung für den inneren Frieden in Deutschland". Folglich werde die „letzte Utopie der Linken" auch scheitern.
„Wie national muß die Linke sein?" fragte sich und die Leser die ND-Redaktion bereits am 31. Juli 1998. Als Denkhilfe gab sie daraufhin jedem den Ratschlag des jungen freiheitlichen Roland Wehl mit auf den Weg. Dieser empfahl, die „Nation zur Sache des Volkes zu machen" und beklagte die „antinationalen Reflexe der Linken", die bislang nur „der Rechten genützt hätten".
Ein gutes halbes Jahr später darf Jochen Ebmeier den ND-Lesern erklären, warum das ex negativo deutsche Jahrhundert, gleichzeitig ein Jahrhundert der gescheiterten Weltrevolution, eigentlich doch ein recht identitätsstiftendes Jahrhundert ist. „Die europäische Zivilisation ist universalistisch, weil sie abendländisch ist." Diese abendländische Kultur ist gefährdet, nicht durch „Ausländer" (an sich), sondern durch die Türken, „eine millionenköpfige nationale Minderheit, deren Einführung in die deutsche Kultur (sic! - K.L.) auch in der dritten Generation noch keine vorzeigbaren Fortschritte gemacht hat .... Das Lügenwort von der multikulturellen Gesellschaft dient der Heuchelei."
Worum geht es eigentlich? Ist es die Frage, ob wir nun ein Volk wie alle anderen sind oder nicht, wie Ebmeier es formuliert? - Und bejaht, denn mit Auschwitz verbinde ihn soviel oder sowenig, wie mit Beethoven, Goethe oder Marx oder Luxemburg. Soviel nationale Verbindung, „ach, wie kaum eine andere Nation zusammenhält". Oder geht es um die Entlarvung der Linken, mit der man am besten abrechnet, wenn man sich in ihr verortet? Geht es darum, daß die doppelte Staatsbürgerschaft „nationale Herausforderungen" eher vertuscht denn als solche erkenntlich macht? Es ist, zusammengenommen mit Auschwitz, Schily, Walser, Hitler und Stalin, ein bißchen viel auf einmal, was Ebmeier da in einem großen Topf zum Kochen bringt. Und auch ziemlich ungenießbar.
Worin besteht eigentlich die Notwendigkeit einer identitätsstiftenden Leitkultur? Vor allem aber, was soll diese Leitkultur sein? Insoweit Ebmeier „abendländische Kultur" und „deutsche Kultur" synchronisiert, kann er sich tatsächlich nur auf den westlichen Universalismus beziehen. Der ist in der Tat aber alles andere als deutsch, sondern mit all seinen Inhalten, inklusive den verfassungsmäßig verankerten „nur mit Hilfe eines Flächenbombardements" (Sibylle Tönnies) über dieses Land gebracht worden. Ein 1968 im Ebmeierschen Sinne kultureller Revolutionierung brauchten Frankreich und die USA nicht - den westlichen Universalismus hatten sie schon. Diesen nun zur Kreation „deutschen Nationalcharakters" ins Feld führen zu wollen, um die „Feigheit" und „Faulheit" vor der Anerkennung eines, wenn auch „zerrissenen", „deutschen Zuges" zu beenden, ist entweder bösartiger Bauernfang oder Unkenntnis. Wenn für solche „Identitätsstiftung" auch noch Marx und Luxemburg herangezogen werden, so ist der Hinweis angebracht, daß das typisch Deutsche mit derartigen Störenfrieden wenig anfangen konnte. Die Ablehnung von Aufklärung, individuellen Freiheitsrechten und Verfassung, das war letztlich über Jahrzehnte das typisch Deutsche - das „Deutschland, Deutschland über alles!". Daß sich dies mit der westlichen Integration der Bundesrepublik in den letzten Jahrzehnten erledigt hat, ist beruhigend. Daß es immer noch Tendenzen gibt, zur Verfolgung sehr gegenwärtiger politischer Zielsetzungen einen wie auch immer gearteten „Nationalcharakter" wieder zu kreieren, ist gefährlich.
Daß die Linke mit ihrem Ableben konfrontiert wird (Ebmeier braucht dazu Enzensbergers reduzierenden Hinweis auf den „gegenseitigen Nenner der Zukurzgekommenen"), und sodann den Hinweis erhält, wo sie ihre neue Identität finden könne, ist inzwischen altbacken. Es lohnt sich nicht, weiter darüber zu reden: Über Nationalismus und Chauvinismus dagegen ist zu diskutieren: Es gibt keinen Nationalismus ohne Verleugnung der eigenen Geschichte. Aber auch Ebmeier argumentiert nicht, sondern bietet gegen die empfundene „morgenländische Bedrohung" nur schlecht zusammenkonstruiertes Abendländisch-Deutsches an.
Was ihn eigentlich stört, merkt Ebmeier nur in einem Absatz an. Daß nämlich niemand den Kindern türkischer Herkunft in der dritten Generation sagt, wie sie sich benehmen sollen. Das müßten schon die Deutschen tun und das sei der springende Punkt. Und es ist in der Tat der springende Punkt, der uns aufhorchen lassen sollte. Hier geht es nämlich um die Frage, wie offen eine Gesellschaft ist und sein kann. Konformität, Treue, Rechtschaffenheit und Anständigkeit als Ausdruck der sogenannten deutschen Sekundärtugenden, denen sich alles weitere unterzuordnen hat, sind aber gerade nicht Ausdruck der westlichen Zivilisationskultur. Hier verzeichnet die Geschichte vielmehr die Bruchstelle des deutschen „besonderen Zuges" gegenüber der Aufklärung und der mit ihr verbundenen Individualität. Daß letztere immer wieder mit Konflikten und Reibungsfläche verbunden ist, liegt in der Natur der Sache. Das ist weder der Linken noch der „morgenländischen Kultur" zuzuschreiben. Es provoziert auch nicht die Frage nach „Identitätsstiftung", sondern die Frage, wie die Linke mit diesen Konflikten umzugehen hat.
Nicht die Linke hat ein gestörtes Verhältnis zur Nation in Griff zu kriegen, man muß nicht an jeder Mülltonne schnuppern. Ein gestörtes Verhältnis zur offenen, in der Tradition der Aufklärung liegenden Gesellschaft haben diejenigen, die die Ausdifferenzierung und Individualisierung von Lebensweisen mit „Werte-Beliebigkeit" gleichsetzen und nach staatlicher Reglementierung rufen, um den „Untergang des Abendlandes" zu verhindern. Sie brauchen die deutliche Erwiderung, daß ihr penetrantes Ringen um den „Nationalcharakter" Ausgrenzung und Widersprüche zwischen Eingesessenen und Zugezogenen schürt, nicht Interessenausgleich, Toleranz und friedliches Zusammenleben fördert. Nicht zuletzt sind viele „Identitätsstifter" personengleich mit denjenigen, die etwa Ausländern die Anerkennung politischer Rechte zur gemeinsamen Weiterentwicklung des bestehenden kulturellen Umgangs verweigern. Da muß die Linke nicht mittun. Eine offene Gesellschaft zu bewahren ist die Aufgabe der Linken. Insofern kann die Suche nach „Leitkultur" getrost den Seiten der „Jungen Freiheit" überlassen bleiben.