30.06.2009
Am heutigen Tag beging unser Genosse Prof. Dr. Stefan Doernberg seinen 85. Geburtstag. Aus diesem Anlass traf sich der Ältestenrat der Partei DIE LINKE zu einer besonderen Sitzung, um den Jubilar zu ehren. Der Gratulantenschar schlossen sich viele an, darunter auch Dietmar Bartsch, Gesine Lötzsch, Carola Bluhm, Oskar Lafontaine und ich.
Carola überbrachte ein Grußwort des Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Walter Momper, während ich im Namen unseres Berliner Landesverbandes Blumen und Glückwünsche überbringen durfte. Meinen kurzen Redebeitrag nutzte ich, um Stefans Format hervorzuheben, sein Engagement als Zeitzeuge und als Ratgeber für uns zu würdigen. Sein Einsatz für die Erinnerung an die Soldaten der Antihitlerkoalition, insbesondere der heute oft erst in zweiter Linie genannten Roten Armee, seine Arbeit im Beirat der Gedenkstätte Seelower Höhen und vieles andere mehr - der Sozialist, Historiker, Diplomat Stefan Doernberg kann nun auf ereignisreiche und erfüllte 85 Jahre zurückblicken. Herzlichen Glückwunsch, Stefan!
Fotos: Burkhard Lange
Sehr geehrter Herr Professor Doernberg,
lieber Genosse Stefan,
manche Menschen behaupten ja, alt zu werden sei ein Glück. Das kann man sicherlich so oder so sehen. Mit Deinem heutigen Jubiläum kannst Du allerdings auf 85 außerordentlich ereignisreiche Jahre zurückblicken. Nicht jeder Mensch kann sagen: Das habe ich erlebt. Du bist aus Nazideutschland emigriert, Du bist mit den Soldaten der Antihitlerkoalition, als Leutnant der Roten Armee, in den letzten Tagen des von den Nazis entfesselten 2. Weltkrieges als Befreier zurückgekehrt. Du hast die hoffnungsvollen Jahre des Aufbaus erlebt, die Bemühungen um ein wirklich neues Deutschland, genauso wie Du den Zusammenbruch des Jahres 1989/1990 erlebt hast, das Aufrappeln und die Suche nach neuen Wegen. Das alles erlebt, hier dabeigewesen zu sein – das können nicht viele Menschen von sich behaupten.
1989 war ich 14 Jahre alt. Und als ich mich in unserer Partei zu engagieren begann, kannte ich keinen Stefan Doernberg. Ich wußte nichts von Deiner Biographie, von Deinen Erlebnissen und Erinnerungen. Später kannte ich zwar auch Deinen Namen. Und natürlich kannte ich von Parteiveranstaltungen und Parteitagen bald Dein markantes Gesicht, aber ich hätte nicht sagen können, wer der Mensch ist, der es trägt, dass das der Stefan Doernberg ist, dessen Namen ich kannte. Erst eine Fernsehsendung zur Befreiung Berlins auf ARTE machte mich da schlauer.
Schauspieler stellten Szenen aus diesen Tagen nach, zwischen diesen Szenen kamen Akteure dieser Tage zu Wort. Darunter auch Du, lieber Stefan. Und erst so erfuhr ich von dem, was Du als Deutscher in der Roten Armee in diesen Tagen erlebt hast, wie Du diese Ereignisse erlebt hast, und ich war beeindruckt von der sachlichen und fesselnden Art, wie Du diese Ereignisse schildertest. Ich erfuhr von der Aufregung, die Du empfandest, als Du an der Schreibmaschine das Moratorium zur Einstellung der Kämpfe von Artilleriegeneral Weidling tipptest, als Du mit einem Lautsprecherwagen durch die Straßen des zerstörten Berlins fuhrst, um die kämpfenden Soldaten zur Niederlegung der Waffen zu bewegen. Und in dem Augenblick war ich sehr froh, Dich unter den Mitgliedern der Partei zu wissen, der auch ich angehörte. Ein Erlebnis mehr, das mir bestätigte, warum ich in ihr richtig war.
Ich kaufte mir dann alsbald Deine Erinnerungen und las sie sehr aufmerksam. Und ich habe unglaublich viel mitgenommen, vor allem aus der Gegenüberstellung Deiner Sichten und Empfindungen zum Zeitpunkt des Erlebens und Deiner heutigen Einschätzung dieser Episoden. Da kam der Historiker Stefan Doernberg zum Vorschein. Ja, es ist wichtig, dass Menschen, die über Deine Lebenserfahrung verfügen, sie vermitteln, sie weitergeben. Und deswegen gibt es auf jeden Fall Menschen, für die Dein Jubiläum ein Glück ist: Für uns, die wir von diesem Wissen profitieren, die wir von Dir erfahren können, was war, was Du erlebt hast, weil Du dabeigewesen bist.Lieber Stefan,
lass mich deshalb sagen: Ich bin stolz darauf, Vorsitzender eines Landesverbandes unserer Partei sein zu können, der Dich in seinen Reihen hat. Das mag Dich jetzt vielleicht etwas erstaunen. Wir beide hatten persönlich noch nicht soviel miteinander zu tun. Das eine Mal, an das ich mich sehr gut erinnere, war ein Gespräch in meinem Büro, in dem wir uns in vielen Fragen nicht einig waren. Nachdem nach eineinhalb Stunden das Gespräch vorbei war, sagte mir einer meiner Mitstreiter aus dem Landesvorstand – selbst Diplomat in der DDR-Außenpolitik – mit Blick auf die nur halb geleerte Tasse Kaffee: „Das ist ein Zeichen, Stefan war Botschafter, da ist jede Geste eine bewusste.“ Ich bin mir dessen bis heute nicht ganz sicher. Aber ich weiß um die Sorge vieler von Euch Älteren, Eure Ratschläge, Hinweise und Anmerkungen würden nicht ernst genommen, eher ignoriert oder unter den Tisch gekehrt. Und deshalb darf ich anläßlich dieses Jubiläums, aber auch dieser Gelegenheit, zu Euch zu sprechen, auch eine Bitte an Euch richten: Liebe Genossinnen und Genossen, schaut bitte genau hin. Ich glaube, Ihr werdet erstaunt sein, in wie vieler Hinsicht sich Eure Erfahrungen auch in dem wiederfinden, was wir Jüngeren hier und heute tun – wenn auch nicht immer und in jeder Hinsicht zu Eurer vollen Zufriedenheit. Eure Kritik kommt an, auch wenn wir uns nicht in allen Fragen einig werden. Dazu sind sicherlich manche Erfahrungen tatsächlich auch zu unterschiedlich. Aber wir sollten, das meine ich ganz ernst, nicht vergessen, was uns eigentlich alles verbindet. Vielleicht ist das eine Feststellung, die sich ganz gut mit Deiner Würdigung anläßlich des 85. Geburtstages verträgt. Wir brauchen einander.Lieber Stefan,
ich darf Dir die herzlichsten Grüße unserer Genossinnen und Genossen des Landesvorstands ausrichten und Dir nicht nur politisch, sondern auch persönlich alles, alles Gute wünschen. Bleib uns noch lange erhalten, mit Deiner offenen und sympathischen Art, mit Deinen Erfahrungen und Deinen Zeugnissen. Ich wünsche Gesundheit, aber auch die Gelegenheit, diesen Anlass im Kreis Deiner Lieben ausgiebig zu feiern. Lieber Stefan, meine herzlichsten Glückwünsche zu Deinem 85. Geburtstag!