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29.11.2014 Informationsvorlage für den Parteivorstand

DIE LINKE und der "Friedenswinter"

Ken Jebsen und Lars Märzholz (Foto: flickr.com/james_rea CC BY-NC-ND 2.0)

 

„DIE LINKE und ihre Politiker*innen sollten sich keinesfalls aktiv daran beteiligen, eine „Spaltung der Friedensbewegung“ als Gespenst an die Wand zu malen, sondern mit dafür sorgen, dass Trennschärfe gegenüber der Neuen Rechten hergestellt wird. Kein Frieden gemeinsam mit Querfront und „Aluhüten“! Der Friedensbewegung ist nicht geholfen, wenn sie den anstehenden zentralen inhaltlich-politischen und kulturellen Fragen durch eine „Bluttransfusion“ aus dem esoterischen, verschwörungstheoretischen und neurechten Spektrum ausweicht.“

 

 „Ich kann nicht in einem Zusammenschluss sein, der mit Leuten zusammenarbeitet, die Verschwörungstheorien anhängen und neurechte Positionen vertreten. Deswegen habe ich jetzt die bundesweite Kooperation für den Frieden verlassen. Das ist sicherlich schade. Aber ich habe in meiner jahrzehntelangen friedensbewegten Arbeit festgestellt: Glaubwürdigkeit ist im Zweifelsfall wichtiger, um Menschen zu überzeugen, für zivile Konfliktbearbeitung statt militärische Aktionen einzutreten.“[1]

Otmar Steinbicker

 

Am 26. Mai 2014 hat der Parteivorstand beschlossen:

„DIE LINKE distanziert sich unmissverständlich von Aktivitäten von Rechtspopulisten, Nationalisten, Verschwörungstheoretikern und Antisemiten, die die Sorge vor Krieg und Eskalation zum Anlass nehmen, um auf ´Montagsmahnwachen´ oder ´Montagsdemonstrationen´ rechtspopulistische Welterklärungsmuster und ´Querfront´-Strategien salonfähig zu machen. […] DIE LINKE wird mit diesen Kräften ganz grundsätzlich nicht zusammenarbeiten. Was als ´überparteilich´ dargestellt wird, ist am Ende nicht selten die Propagierung von Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und Homo-/Trans*feindlichkeit. Das lehnen wir ohne Wenn und Aber ab.“[2]

 

Der Friedenswinter 2014/2015

Teile der Friedensbewegung rufen in diesem Herbst auf zum „Friedenswinter 2014/2015. Gemeinsam für den Frieden – Friedenslogik statt Kriegsrhetorik“. Der Aufruf fordert im Wesentlichen Abrüstung und nachhaltige Entwicklungspolitik, kritisiert die Medienberichterstattung über internationale Konflikte, wendet sich gegen die NATO und militärische Intervention und tritt für die OSZE und eine reformierte UNO ein. Ein Bekenntnis zum Völkerrecht und zur internationalen Solidarität wird verbunden mit einer Absage an Rassismus und Faschismus. Sehen wir von der Diskussionswürdigkeit des Aufrufs ab, die daraus resultiert, dass danach offenbar ausschließlich die USA, die NATO und die Politik der Bundesregierung internationalen Friedensbemühungen im Weg stehen, bewegt sich diese inhaltliche Positionsbestimmung im Rahmen der klassischen Aufrufe der Friedensbewegung. Eine der Aktivitäten im Rahmen dieses Friedenswinters ist auch eine Demonstration zum Bundespräsidialamt am 13. Dezember. Zum Zweck der Mobilisierung liegt für diese Demonstration unter dem Titel „Verantwortung für unser Land heißt: Nein zu Krieg und Konfrontation“ ebenfalls ein Aufruf vor. Auch dieser Aufruf bewegt sich im Rahmen der traditionellen Mobilisierungsaufrufe der Friedensbewegung, ist sicherlich heutzutage – angesichts des Ukraine-Konflikts und der Situation im Nahen Osten – diskussionswürdig. Aus der Perspektive der Partei DIE LINKE würde das aber eine Beteiligung an den Aktivitäten in der Sache nicht gleich ausschließen.

Bemerkenswert ist das Spektrum der Unterzeichner*innen beider Aufrufe. Neben honorigen Wissenschaftler*innen und Künstler*innen sind auch eine Reihe von Genoss*innen unserer Partei, Mitglieder des Bundestages und auch des Parteivorstands Unterstützer*innen dieser Aktivitäten. Zu den Aufrufer*innen der bundesweiten Aktionen gehören allerdings auch eine Reihe von Vertreter*innen der „Mahnwachen“-Bewegung, die sich selbst als „neue Friedensbewegung“ inszeniert und immer wieder in die Kritik geriet, Verschwörungstheoretikern, Neurechten und Antisemiten ein Podium zu bieten.

Dass das erklärungsbedürftig ist, hat offenbar auch Reiner Braun, ein Urgestein der „alten“ Friedensbewegung, erkannt, der als V.i.S.d.P. den Aufruf zur Berliner Demonstration verantwortet. Im Kleingedruckten heißt es dort:

„Die Unterzeichnung geschieht nur im eigenen Namen und nicht stellvertretend für eine Organisation. Sie bezieht sich ausschließlich auf den Text dieses Aufrufes und in Verbindung damit auf die Kundgebung. Einzelunterschriften bedeuten nicht, dass damit eine weitgehende Kooperation geplant ist.“

Mir wäre nicht bekannt, dass Aufrufe der Friedensbewegung in den zurückliegenden Jahren mit derartigen Gebrauchsanweisungen versehen gewesen wären. Offenbar soll insbesondere mit dem letzten Satz Einwänden begegnet werden, die einer Kooperation mit Schlüsselpersonen der „Montagsmahnwachen“ entgegengehalten werden. Inzwischen finden sich neben LINKE-MdBs wie Sabine Leidig, Diether Dehm, Andrej Hunko, Kathrin Vogler und Sahra Wagenknecht auch die Namen von Ken Jebsen und Lars Mährholz, zwei der entscheidenden Protagonisten der „Montagsmahnwachen“.

 

Wie ernst nehmen wir unsere Beschlüsse?

Da der Parteivorstand in seinem Beschluss vom Mai eine Positionsbestimmung für DIE LINKE in Bezug auf die Kooperation mit Querfrontlern und Verschwörungstheoretikern vorgenommen hat, verwundert die Selbstverständlichkeit, mit der diese Namen in einer Reihe zu lesen sind. Darüber hinaus hat die Bundestagsfraktion aus ihren Finanzmitteln auch die Finanzierung der Öffentlichkeitsarbeit für den „Friedenswinter“ mitgestützt. Und in der Partei selbst werden die Mobilisierungsaktivitäten für diese Kampagne über diverse Verteiler aktiv mit betrieben.

Es wäre doch zu erwarten gewesen, dass die Ignoranz gegenüber diesem Beschluss mit der Einforderung einer Debatte mit dem oder im Parteivorstand einhergegangen wäre, in der die Argumente, die gegen den Parteivorstandsbeschluss sprechen könnten, transparent gemacht worden wären. Nun hat Diether Dehm bereits kurz nach unserer Beschlussfassung erklärt, diese Positionsbestimmung sei für ihn die Aufforderung, jetzt erst recht eine Montagsmahnwache in Berlin mitzugestalten. Dies sei sein gutes Recht als Künstler, gedeckt von der Kunstfreiheit. Für den Parteivorstand stellt sich allerdings die Frage: Wie ernst nehmen wir selbst unsere Beschlüsse, wie ernst werden in der Partei und von durchaus prominenten LINKE-Politiker*innen unsere Beschlüsse genommen? Wenn wir davon ausgehen, dass eine Kooperation mit Querfrontakteuren und Verschwörungstheoretikern zukünftig in den Bereich der privaten Religionsausübung fallen sollte, dann können wir uns fürderhin politische Debatten und Beschlussfassungen sparen. Die Unbefangenheit, in der hier nicht nur marginale Kooperationsbeziehungen existieren und die damit verbundenen politischen Konflikte unthematisiert bleiben, entpolitisieren und schaden der Partei DIE LINKE, vor allem aber ihrem antifaschistischen, antinationalistischen, emanzipatorischen Profil.

 

Die Annäherung zwischen „alter“ und „neuer“ Friedensbewegung – kein Unfall

Der Einwand, es handele sich hier um bestenfalls zufällige Überschneidungen zwischen „Montagsmahnwachen“ und der traditionellen Friedensbewegung, trägt nicht. Und es ist alarmierend, dass die Problematik von großen Teilen der traditionellen Friedensbewegung nicht in der notwendigen Schärfe gesehen wird.

Diese Kooperation ist kein Unfall, kein zu vernachlässigender Fehler aufgrund von Unwissenheit oder Leichtsinn. Diese Kooperation ist eine planmäßige Aktivität eines Teils der traditionellen Friedensbewegung. Sie ist Ausdruck einer Entscheidung in einem Suchprozess der „alten“ Friedensbewegung in der Krise, angesichts abnehmenden Zulaufs der überkommenen Aktivitäten, der Ostermärsche und Kundgebungen, bei gleichzeitigem Hype der „Montagsmahnwachen“ während der Ukraine-Krise und des Gaza-Krieges. Bereits im Frühsommer wurde begonnen, miteinander in Austausch zu treten. Dabei spielten Akteure wie Albrecht Müller, Herausgeber der „NachDenkSeiten“, der Liedermacher Prinz Chaos II. (Florian Kirner), die Berliner Mahnwachenrednerin und seit Neuestem Russia-Today-Moderatorin Lea Frings, der „freie Aktivist“ Florian Hauschild, und der frühere Attac-Aktivist Pedram Shahyar eine Rolle als „Brückenbauer*innen“.

Bereits im Juli 2014 vermeldete Reiner Braun den neuen Kurs der Friedensbewegung:

„Friedens-BEWEGUNG bedeutet: mehr Bewegung entwickeln! Dieser Grundgedanke prägte die Aktionskonferenz, die von Friedensorganisationen, Initiativen der traditionellen Friedensbewegung, aber auch von Menschen von den Mahnwachen für den Frieden, von GewerkschafterInnen, Mitgliedern der Grünen, der SPD und der Linken besucht wurde.“[3]

Ganz offenbar waren und sind auch LINKE-Politiker*innen sehr aktiv an der „Neuorientierung“ der Friedensbewegung beteiligt. Das ND berichtete am 5. Juli 2014:

„´Es ist Zeit, die Fronten aufzuweichen und nicht mehr übereinander, sondern miteinander zu reden´, sagt Reiner Braun […] gegenüber ´nd´. Er soll in Berlin als zweiter auf der Bühne stehen, sei mit den Organisatoren abgesprochen. Mit Lucas Wirl wird ein weiterer Sprecher des Dachverbandes in Köln den Aufschlag machen, die aus der Friedensbewegung stammende LINKE-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler in Münster.“[4]

Den bundesweiten Aufruf zum „Friedenswinter“ zieren neben LINKE-Politiker*innen wie Inge Höger, Jutta Krellmann, unserem Stellvertretenden Vorsitzenden Tobias Pflüger und bekannten Vertreter*innen der traditionellen Friedensbewegung auch „Mahnwachen“-Vertreter*innen und die Protagonist*innen einer „Annäherung“ zwischen neuer Rechter und der Friedensbewegung.

Diese Strategie ist freilich auch in der traditionellen Friedensbewegung nicht ohne Kritik geblieben, und das nicht nur von Seiten Otmar Steinbickers:

„Einigen Mitstreitern in der Kooperation für den Frieden dürfte dieser Tabubruch den Tag gehörig verhageln. ´Auf keinen Fall darf man dort als Redner auftreten´, warnt Monty Schädel. So lange dort Personen wie Jebsen, Elsässer oder Mährholz eine Rolle spielen, ist für ihn die Abgrenzung von menschenfeindlichen Einstellungen nichts wert. ´Es gibt sechs weitere Tage, an denen man für Frieden auf die Straße gehen kann.´“[5]

Dass es sich inzwischen um mehr als eine „punktuelle“ Zusammenarbeit zwischen Akteur*innen der „alten“ und selbsterfundenen „neuen Friedensbewegung“ handelt, lässt sich anhand der Aktivitäten in den sozialen Netzwerken – dem Mobilisierungsmedium der Verschwörungstheoretiker*innen, Querfront-Aktiven und neuen Rechten – recht gut nachvollziehen. Der „Friedenswinter Berlin“ macht auf Facebook Werbund mit KenFM-Videos[6] (youtube-Propaganda von Ken Jebsen), während sich gleichzeitig die Facebookseite der „Mahnwachen Deutschland“ komplett auf den Friedenswinter konzentriert.[7]

 

Alles nicht so wild? – Kein Frieden gemeinsam mit Querfront und „Aluhüten“!

Die Suchprozesse der traditionellen Friedensbewegung sind keine Nebensächlichkeit. Sie zwingen auch uns zu einer Auseinandersetzung mit der Strategie großer Teile der Friedensbewegung und Kooperationsgewohnheiten, die bislang außer Frage standen. Die Friedensbewegung ist in einer Krise, und sie sucht die Lösung dieser Krise – unter Mitwirkung von LINKE-Aktivist*innen und –Politiker*innen – nicht in einer inhaltlichen und in einer Neubestimmung ihrer Formate, sondern durch „Erweiterung“ ihres Spektrums. Das allerdings bringt für eine demokratisch-sozialistische, emanzipatorische Partei Fragen und Konflikte mit sich, die wir nicht einfach unter den Teppich kehren und denen wir nicht einfach ausweichen können. Dabei hilft ein Blick auf die Akteure, die die „neue Friedensbewegung“ initiiert haben und maßgeblich gestalten und nun die „neuen Partner“ der Friedensbewegung sind.

DIE LINKE und ihre Politiker*innen sollten sich keinesfalls aktiv daran beteiligen, eine „Spaltung der Friedensbewegung“ als Gespenst an die Wand zu malen, sondern mit dafür sorgen, dass Trennschärfe gegenüber der Neuen Rechten hergestellt wird. Kein Frieden gemeinsam mit Querfront und „Aluhüten“! Der traditionellen Friedensbewegung ist in ihrer Krise nicht damit geholfen, dass sie den zentralen inhaltlich-politischen und kulturellen Fragen, die die aktuellen globalen Konfliktkonstellationen aufwerfen, durch eine „Bluttransfusion“ aus dem esoterischen, verschwörungstheoretischen und neurechten Spektrum ausweicht:

Lars Mährholz, gewissermaßen der „Erfinder“ und „Gründer“ der „neuen Montagsdemos“,  Berliner Anmelder und Stichwortgeber, ist sehr aktiv in den sozialen Medien. Kritik begegnet er mit Shitstorms, gern auch einmal unter Bemühung der bürgerlichen Gerichte und der Strafverfolgungsbehörden. Seine Sicht auf die Friedenspolitik offenbart sich beispielsweise so:

„Woran liegen alle Kriege in der Geschichte in den letzten 100 Jahren? Und was ist die Ursache von allem? Und wenn man das halt alles ´n bisschen auseinander klabüsert und guckt genau hin, dann erkennt man im Endeffekt, dass die amerikanische Federal Reserve, die amerikanische Notenbank, das ist eine Privatbank, dass sie seit über hundert Jahren die Fäden auf diesem Planeten zieht.“[8]

Ursprünglich hat Mährholz auf seiner Webseite auch die These verbreitet, dass die Familie Rothschild quasi den ganzen Globus kontrollieren würde, nach Kritik hat er das mittlerweile gelöscht. Dennoch bleibt er bei einem sehr holzschnittartigen, „kapitalistenkritischen“ Bild von Kriegsursachen und Friedensfantasie:

„Der Russe kann Sewastopol nicht einnehmen. […] Wie kann man etwas einnehmen, was einem gehört? […] Das muss doch mal ganz offen angesprochen werden. Wo kamen denn die ganzen Millionen dafür her? (bezüglich 2. Weltkrieg) […] Der Faschismus ist direkt hier! Von Banken regiert! Wir leben in einem Bankenfaschismus. […] Und das ist ja auch das Problem! Wie will man denn gegen die Nazis was machen, in Anführungsstrichen, wenn man nicht mit ihnen redet? Wir können doch nicht weiter in dem Gedanken feststecken bleiben, wir müssen die Nazis bekämpfen oder sowas!“[9]

Mährholz sieht die deutsche Staatsbürgerschaft nicht existieren, verbindet in seinen „Forderungen an die Welt“ – darunter macht er es nicht – klassische Forderungen der Friedensbewegung (Truppenabzug, Stopp von Kriegshandlungen und Rüstungsexporten) mit verschwörungstheoretischen „Thesen“ (Gegen die FED, City of London, das „Zinssystem“). Als „freie und unabhängige Medien“ empfiehlt er „Nachrichtenseiten“ aus der verschwörungstheoretischen Truther-Bewegung wie „Freiheit durch Wissen“, „News #23“, mit teilweise krudesten antisemitischen Inhalten. Ausweislich seines Facebook-Profils „gefallen“ ihm u.a. die AfD, „Pro Putin & Russia“, „Wahrheit befreit“, „Killuminati“ und „Operation American Spring“. Derzeit plant Mährholz Gespräche mit dem Verschwörungstheoretiker Frank Höfer[10], dem 9/11-Truther[11] Daniele Ganser[12] und dem rechtsradikalen Burschenschafts-„Visionär“ Michael Vogt („Urburschenschaftliches Manifest zur revolutionären Neuordnung“).[13]

Ken Jebsen, ehemaliger Radiomoderator bei Radio Fritz des RBB, wurde gekündigt, nachdem dessen Aussagen zu seinem spezifischen Wissen um die Erfindung des „Holocaust als PR“ öffentlich wurden. Seitdem ist er eine der Leitfiguren der „unabhängigen“ Internet-Truther-Bewegung. Jebsen ist Autor der von Jürgen Elsässer verantworteten Compact-Zeitschrift und tritt im Kontext des Compact-Umfelds auf.[14] Er schrieb dort unter anderem über die „Lügen-Mechanik“ der Medien, die angebliche 9/11-Verschwörung und den Ukraine-Konflikt, den er – wie viele seiner Mitstreiter*innen – als riesige Propaganda-Verschwörung des Westens zum Zweck der Kriegstreiberei sieht. Auch die offizielle Geschichte des NSU und der Anschläge von Boston sieht Jebsen als Verschwörungen.

Der „linke“ Pedram Shahyar behauptet, Ken Jebsen habe sich effektiv für seine antisemitischen Ausfälle entschuldigt. Das stimmt leider nicht. Jebsen bedauert, dass sofort die Antisemitismuskeule gezückt würde, wenn Israel mit dem Dritten Reich verglichen würde. Pedram, der Israel als „Apartheidstaat“ bezeichnet hatte[15], nimmt hier im Namen der Juden die „Entschuldigung“ Ken Jebsens an – der bereits zuvor diverse Male den Holocaust relativiert hat und von „den jüdischen Roots“ einiger Personen direkt auf die „zionistische Kontrolle über Amerika“ geschlossen hat. Er gibt den Juden die Schuld am Irakkrieg und bemüht regelmäßig die These vom „Völkermord“ an den Palästinensern.[16] Seine Distanzierung von der Relativierung des Holocaust liest sich dann so:

„Konzentrationslager in der Moderne gibt es ja trotzdem. […] Da werden Dinge konzentriert, das sind Lager.“[17]

 Und sein demokratisches Grundverständnis offenbart er wie folgt:

„Und die Zugvögel, die schaffen es jedes Jahr nach Afrika! Wenn die das demokratisch organisieren würden, kämen sie nur bis Sylt! […] Die kommen bestens ohne Demokratie zurecht.“[18]

Zur aktuellen Weltpolitik hat Ken Jensen selbstverständlich auch etwas beizutragen:

„Wer Probleme mit IS hat, was übersetzt ja Islamischer Staat bedeutet, sollte sich die Frage stellen, wieso bei ihm nie die Alarmglocken läuten, wenn IS-rael sich als jüdischen Staat bezeichnet. Auch hier haben die USA alles getan, um den Irrsinn salonfähig zu machen, nur dass die Irren mit dem Davidstern über taktische Waffen verfügen.“[19]

Pedram Shahyar, Ex-Attac-Aktivist und im Frühjahr auf den Zug der „Montagsmahnwachen“ aufgesprungen, sah zunächst seine Hauptaufgabe darin, Ken Jebsens Antisemitismus zu relativieren und ihn als Partner für eine „breite linke Bewegung“ salonfähig zu machen:

                                   „[…] Ken Jebsen, dessen Reden auf den Mahnwachen astrein sind […]“[20]

Auch er ist Unterzeichner des Friedenswinter-Aufrufs und propagiert seit Oktober den Schulterschluss zwischen Friedensbewegung und „Montagsmahnwachen“. Seine Zuneigung zu Jebsen ist inzwischen pathologisch. Jüngste Aufmerksamkeit erreichte Shahyar mit seinen Auslöschungsphantasien gegenüber der Band Antilopengang, die sich in ihrem Song „Beate Zschäpe hört U2“ auch zu Verschwörungsheorien und KenFM ausgelassen hat. Shahyar twitterte nach der Klageerhebung durch Ken Jebsen:

                                   „Hoffe @KenFM vernichtet sie und ihr Label gleich mit“.[21]

 

„Ideologische Differenzen“?

In unserer Partei führt die Thematisierung derartiger Vorgänge nicht zum offenen, solidarischen und schmerzhaften, aber nötigen Diskurs. Regelmäßig wird relativiert, beiseite gewischt, die Störung des innerparteilichen Friedens beklagt. Erst jüngst war im Zusammenhang mit der Kritik von LINKE-Mitgliedern an der verharmlosend als „Toilettengate“ oder „Toilettenaffäre“ bezeichneten Instinktlosigkeit und als „Fachgespräch“ firmierenden Veranstaltung zur Lage im Nahen Osten und zur vermeintlich einseitigen Verantwortung Israels für den Nahost-Konflikt davon die Rede, dass dieser „Vorfall“ zur Austragung „ideologischer Differenzen“ missbraucht (!?) werde.

Wir brauchen eine gründlichere und grundsätzlichere Verständigung. Es ist ganz offenbar so, dass in diesen „durchgeknallten Zeiten“ (Raul Zelik) die Orientierungslosigkeit eines Teils der Linken und die sichtbare Untauglichkeit mancher Schwarz-Weiß-Analysen zum Einfallstor für neurechte, verschwörungstheoretische und mindestens simple Welterklärungsmuster in traditionell linke Milieus geworden ist. Ein Teil der Traditionslinken sucht, rechtfertigt oder billigt die „Querfront“-Kontaktaufnahme und befördert sie ihrerseits „von links“. Darunter auch LINKE-Politiker*innen. Das ist nicht nur inakzeptabel, sondern hochgefährlich. Kritik daran wird mit Opferinszenierung begegnet. Eine „Hetzjagd“ werde veranstaltet, („dunkle“/„die üblichen“) „Kräfte in der Partei“ wollten „Säuberungen“…[22] LINKE-MdB Diether Dehm sieht die Kritisierten dann auch schon mal im Visier einer „antideutschen SA“. Der prototypische Umgang mit Kritik besteht in Denunziation oder Klagen.

Inzwischen wird Putins Propaganda-Sender in deutscher Sprache „Russia Today“, ein Internet-Fernsehkanal, zum Wahrheitsmedium neben der „ferngesteuerten Lügenpresse“ hochgejubelt, manche LINKE stehen dort vor und hinter den Kameras – als Gäste und als Beschäftigte. Aber nicht nur sie. Dort ist dann auch Raum für Verschwörungstheorien aller Art, für krude Thesen zu Krieg und Frieden und der Verantwortlichkeit für die jüngeren Eskalationen auf dem Globus. Aber auch zum „Tabubruch gegenüber Israel“, wie er durch die Gäste unserer Bundestagsabgeordneten Höger und Groth am 9. und 10. November, Blumenthal und Sheen, im Bundestag vorgenommen werden durfte. Beide waren, wie auch der Youtube-Filmer des „Toilettengate“, Martin Lejeune, ebenfalls gern gesehen bei RT Deutschland. RT führt in neuer Qualität, mit erheblichen Ressourcen und mit professionellerer Aufmachung fort, was in sozialen Netzwerken und via Youtube bereits seit längerer Zeit propagiert wird.

Dass es sich dabei nicht um Einzelfälle oder Randerscheinungen handelt, sondern um einen grundlegenden, für eine emanzipatorische, demokratisch-sozialistische Linke fundamentalen, Konflikt und ein erhebliches strategisches Problem, wird deutlich, wenn wir berücksichtigen, dass die agierenden Personen unter Bezugnahme aufeinander die strategische Agenda eines nicht unbeträchtlichen Teils der Friedensbewegung beeinflussen. Angesichts des „Friedenswinters“ lässt Ken Jebsen wissen:

„Also, ich habe mich vor ein paar Tagen mit Pedram Shahyar, Konstantin Wecker und Albrecht Müller[23] […] getroffen und die haben uns auch gesagt, dass sie das auch alle unterstützen, dass wir auf diesem Gebiet die klassische und die neue Friedensbewegung zusammenarbeiten wollen.“[24]  

Zu dieser Runde stieß der Sänger Xavier Naidoo hinzu, gegen den der Bundessprecher*innenrat der Linksjugend [´solid] und die Landesarbeitsgemeinschaft DIE LINKE.queer Nordrhein-Westfalen Strafanzeige wegen volksverhetzender Liedtexte gestellt hatten.[25] Naidoo sorgte mit seinen Auftritten auf den „Montagsmahnwachen“ bundesweit für Aufsehen und liefert ebenfalls sehr spezifische Beiträge zur Profilbildung einer „vereinigten Friedensbewegung“:

„Aber nein, wir sind nicht frei, wir sind immer noch ein besetztes Land! Deutschland hat noch keinen Friedensvertrag und ist dementsprechend auch kein echtes Land und nicht frei.“[26]

 

Die Herausforderung

Wir stehen vor der Aufgabe, einen Umgang mit diesen Entwicklungen zu finden. Das Fazit ist kein anderes als bereits im Mai 2014, als der Parteivorstand seinen Beschluss zum Umgang mit den Montagsmahnwachen gefasst hat. Das Problem hat sich aber insofern verschärft, als mittlerweile der Schulterschluss zwischen den „Montagsmahnwachen“-Protagonisten und der traditionellen Friedensbewegung vollzogen wird und LINKE-Politiker*innen diese Strategie unterstützen, dulden, befördern oder auch nur beschweigen und verniedlichen:

„DIE LINKE sieht sich also einer qualitativ relativ neuen Bewegung gegenüber, die nicht klar greifbar ist, weil sie diffus in ihren Strukturen agiert; zudem in Sphären – geistig und organisatorisch – unterwegs sind, die sich dem klassischen Vernunftbegriff linker Gruppen teils verweigern. Ein weiteres Problem ist, dass einige linke Parolen anschlussfähig nach rechts sind, wenn sie alleine für sich stehen, bspw. die Formel ´Gegen die Diktatur der Banken´. Das harmoniert ggf. gut mit den Thesen, die auch in Truther-Kreisen vertreten werden. DIE LINKE muss also eine Antwort darauf finden, wie mit diesen ´neuen´ eso-faschistischen Netzwerken umgegangen werden kann. Die AnhängerInnenschaft ist nahezu vollkommen selbstreferentiell: Medien, PolitikerInnen usw. lügen immer, Wahrheit gibt es nur in den eigenen Kreisen.

Die in diesem Dossier dargelegten Informationen über Inhalte, Struktur und Ziele der Montagsdemos/-Mahnwachen können für DIE LINKE nur bedeuten, dass sie der Bewegung laut und offen widersprechen muss. Das schließt den Versuch mit ein, aufklärungswillige Teile der Bewegung mit klaren Aussagen und dem Angebot nach einem alternativen Engagement (bspw. in der ´alten´ Friedensbewegung) zu überzeugen.

Allein das wird aber nicht ausreichen: Selbst wenn die Mahnwachen in absehbarer Zeit in sich zusammenbrechen, das reaktionäre Potential bleibt erhalten: Eine Bevölkerungsgruppe, die bereits jeglichen Glauben an alles verloren hat, was für sie aus dem ´System´ kommt, die von politischen Diskussionen längst nicht mehr erreichbar ist. Die aber ihr Heil in diversen sozialen Netzwerken sucht, in trüben Quellen, bei eingängigen YouTube-Videos oder Liedern. Wie diese stetig wachsende Gruppe von Abgehängten wieder erreicht werden kann, wie verhindert werden kann, dass dort ein Potential heranwächst, das vielleicht irgendwann mobilisiert werden kann, als für diese ´Mahnwachen für den Frieden´, das bleibt die große Aufgabe.“[27]

 

Informationsvorlage "DIE LINKE und der 'Friedenswinter'" als PDF herunterladen (ca. 600KB)

 


[1] „Ein höchst problematisches Spektrum. Otmar Steinbicker warnt vor einer Unterwanderung der Friedensbewegung durch Neurechte und Verschwörungstheoretiker“, Interview in der TAZ, 26. November 2014.

[2] Beschluss 2014/215 des LINKE-Parteivorstands vom 25./26. Mai 2014.

[3] www.koop-frieden.de/aktuelles/artikel/aktionskonferenz-fuer-den-frieden-beschliesst-einen-friedenswinter-2014-2015.html

[4] www.neues-deutschland.de/artikel/938170.entspannungsmassnahme.html

[5] Ebenda. Umso überraschender, dass Monty Schädel (DFG-VK) den Aufruf unterzeichnet hat. Möglicherweise sind es solche Formulierungen wie die oben benannte „Gebrauchsanweisung“, die die insoweit existierenden Differenzen glattbügeln helfen. Auch die VVN-BdA hat sich von einer Zusammenarbeit mit den „Montagsmahnwachen“-Protagonisten distanziert. Sie taucht in keinem der Aufrufe auf.

[6] www.facebook.com/events/707980442630987/permalink/707999715962393/

[7] Siehe dazu die Anlage, zu 1.

[10] frank-hoefer.blogspot.de

[11] de.wikipedia.org/wiki/9/11_Truth_Movement: “9/11 Truth Movement („Wahrheitsbewegung zum 11. September“) ist eine Sammelbezeichnung für Gruppen und Organisationen in den USA, die die geschichts- und naturwissenschaftlichen Erklärungen der Terroranschläge am 11. September 2001 ganz oder in wesentlichen Teilen bestreiten und stattdessen verschwörungstheoretische Alternativerklärungen anbieten und verbreiten. Die meisten dieser Gruppen und Organisationen behaupten, dass die US-Regierung und/oder mit ihr verbundene Geheimdienste von den Anschlägen vorher wussten und sie zugelassen (LIHOP: Let it happen on purpose) oder sie sogar aktiv geplant und durchgeführt haben (MIHOP: Make it happen on purpose). Sie präsentieren diese Szenarien als plausible, zum Teil bewiesene Ergebnisse eigener Forschung und verbreiten sie vor allem über das Internet durch professionell aufgemachte Webseiten.”

[12] www.zeit.de/2012/50/Truther-Verschwoerungstheorie/komplettansicht

[13] de.wikipedia.org/wiki/Michael_Vogt

[14] Jürgen Elsässer ist von der neuen Offenheit der Friedensbewegung nicht umfasst, aber im Umfeld der „Montagsmahnwachen“ immer wieder aufgetreten, wie auch Aktivisten der Neonaziszene. Die Grenzen sind hier fließend. LINKE demonstrieren regelmäßig, zuletzt in Dresden, gegen COMPACT-Kongresse und -Veranstaltungen, auf denen antiislamische Hetze mit Homophobie, antisemitischen Stereotypen und Reichsbürgerunsinn verbunden wird. Die neurechten Szenen sind volatil, überlappen einander. Es ist sicherlich nicht untertrieben, die „Montagsmahnwachen“-Protagonisten als Querfrontaktivisten – als „Brücken“ – in das neurechte und rechtsextreme Spektrum zu bezeichnen.

[15] Ich muss hier darauf verweisen, dass es zu solchen Thesen Diskussionen in unserer Partei über die „Legitimität von Israelkritik“ gibt, die ähnlichen Mustern folgen. Nicht zuletzt das dürfte erklären, warum die Kooperation mit solchen Akteuren nicht als schwerwiegendes Problem betrachtet wird.

[16] Nachweise im Dossier Montagsmahnwachen, vorgelegt zur Parteivorstandssitzung im Mai 2014, veröffentlicht unter www.lorenz-goesta-beutin.de/politisches/antifaschismus/dossier-montagsdemos

[18] Vgl. Steven Geyer, Montagsdemos in Berlin. Worum es bei den Montagsdemos wirklich geht, in: Berliner Zeitung, 6. Mai 2014.

[20] Vgl. Ex-Attac-Aktivist über Montagsdemos. „Warum sollte ich pfeifen?“ Attac warnt vor den Montagsdemos. Mit Pedram Shahyar wird nun ein früher führender Aktivist in Berlin dort sprechen – und hofft auf linken Zulauf, in: TAZ, 5. Mai 2014, sowie: Pedram Shahyar, Tahrir oder Tea-Party?, in: Freitag-Blog, 24. April 2014.

[21] Vgl. Anhang.

[22] Der Autor kann, was das betrifft, aus seinem unmittelbaren Nachrichten- und Informationsreservoir im Zusammenhang mit der Erklärung „Ihr sprecht nicht für uns“ (www.ihrsprechtnichtfueruns.de) schöpfen.

[23] Alle sind Mitaufrufer zum „Friedenswinter“, Albrecht Müller verantwortet als Herausgeber die „NachDenkSeiten“ und war früher unter den SPD-Kanzlern Brandt und Schmidt Planungschef im Bundeskanzleramt.

[25] Vgl. Elias Schneider, Anzeige wegen Volksverhetzung Xavier Naidoo verstört mit satanischen Versen, in: Stern, 14. November 2012.

[26] Georg Dietz, Vom Popstar zum Populisten, in: SPON, 22. August 2014.

[27] Dossier, a.a.O.