Interview mit der Zeitung "Siegessäule"
Die Zeitung "Siegessäule" interviewte mich und Susanne Engert (SPD) zum Voranschreiten der Initiative für Selbstbestimmung und sexuelle Vielfalt und den zur Verfügung gestellten Haushaltsmitteln
Wie zufrieden seid ihr mit den Ergebnissen der Haushaltsverhandlungen?
Susann Engert: Sehr zufrieden. Das ist ein großer Erfolg und hat Vorbildwirkung für ganz Deutschland.
Klaus Lederer: Letztlich ist es nicht nur unser Erfolg, sondern ein Erfolg von allen, die sich hier engagiert haben. Natürlich standen wir auch unter dem Druck, das einzulösen, was wir im April bei der Verabschiedung der Initiative versprochen hatten, damit es eben nicht bei einem bloßen Bekenntnis bleibt, sondern wir die Initiative auch finanziell untersetzen.
SE: Wichtig war uns, dass die Initiative ein umfassendes Konzept ist und dass Homophobie nicht – wie es leider auch kommuniziert wurde – mit Migration permanent in einem Atemzug genannt wird. Homophobie ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.
KL: Eines muss man klar sagen: In puncto rechtliche Gleichstellung ist Berlin bundesweit unbestritten führend. Nun müssen wir im Bereich der faktischen Gleichstellung alles unternehmen, was möglich ist – auch unter schwierigen finanziellen Bedingungen. Insofern ist es nicht genug wertzuschätzen, dass die Koalition die Initiative in Gänze getragen hat.
Nennt noch einmal die Säulen der Initiative!
SE: Die wichtigste Säule sind Bildung und Aufklärung. So früh wie möglich soll Toleranz wie mit der Mutter milch aufgesogen werden. Das betrifft nicht nur die Kids, sondern auch pädagogische Kräfte in Schulen, in Kitas, in Jugendclubs. Elternarbeit ist wichtig, damit Kinder zum Beispiel keine Angst haben müssen, sich in ihren Familien zu outen.
KL: Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, müssen wir allen Arten von Diskriminierung vorbeugen. Betrachtet man die volle Breite der Probleme, sind 2,1 Millionen fast schon wieder übersichtlich. Ein Schwerpunkt ist die Frage, inwieweit vorurteilsmotivierte Gewalt in den besonderen Fokus bei Polizei, Staatsanwaltschaft und vor Gerichten rückt – und Opfer entsprechende Unterstützung erhalten. Auch geht es darum, innerhalb der Verwaltung durch Diversity- Arbeit dafür zu sorgen, dass am Arbeitsplatz vorbildlich mit den besonderen Bedingungen von Menschen unterschiedlicher sexueller Identitäten umgegangen wird. Zentrales Problem ist außerdem, dass wir wenig über Diskriminierungserfahrungen von Lesben, Schwulen, Trans*, Inter- und Bisexuellen wissen. Hier sind Studien oft nicht belastbar genug, um verlässliche Aussagen zu treffen. Und schließlich geht es auch darum, dass die Stadt durch die Akzeptanz sexueller Vielfalt und die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit versucht, auf alle Berlinerinnen und Berliner sowie auf alle Menschen, die uns besuchen, sensibilisierend einzuwirken und deutlich zu machen, welch großen Stellenwert das hier genießt.
Welche Prioritäten habt ihr bei der Beantragung der Gelder gesetzt?
KL: Erst mal haben wir das nicht alleine getan, sondern in Zusammenarbeit mit der Landesantidiskriminierungsstelle. Und wir denken auch nicht daran, künftig auf diese oder auf die Unterstützung der Community zu verzichten. Wir werden uns demnächst wieder in Form eines weiteren Ratschlags zusammensetzen, um die Zwischenstände zu diskutieren. Wir sind einen beträchtlichen Schritt vorangekommen. Vielleicht gelingt es uns sogar, wirtschaftlich stärkere Akteure zu motivieren, sich finanziell einzuklinken. Vielleicht können wir dafür sorgen, dass aus den 2,1 Millionen am Ende 4,2 Millionen werden. Mit den Geldern wollen wir eben nicht sagen: „Der Staat regelt alles.“ Niemand ist aus der Verantwortung genommen, kein Unternehmen, kein Träger.
SE: Wir haben die Schwerpunkte bereits bei der Antragstellung gesetzt, indem wir Bildung und Aufklärung an erster Stelle nennen. Das spiegelt sich nun auch finanziell wider. Auch der Punkt, insgesamt für Toleranz zu werben, wird mit Haushaltsmitteln untersetzt. Federführend wird sich die Antidiskriminierungsstelle darum kümmern, sich dabei aber entsprechende Partner ins Boot holen. KL: Eben weil es ein Querschnittthema ist, soll die Verantwortung jeweils da wahrgenommen werden, wo ein Problem auftaucht. Mir geht es auch darum, dass den Menschen diese Tippeltappeltour durch die Behörden künftig erspart wird. Deshalb soll die Berliner Verwaltung mit gutem Beispiel vorangehen. Das alles ist im Weber’schen Sinne Bohren dicker Bretter. Doch dazu gibt es keine Alternative – wir müssen den langen, steinigen Weg gehen, um Einstellungen in den Köpfen zu ändern, um Diskriminierung wirksam zu bekämpfen.
Wie schafft man das?
SE: Wichtig ist es, dass Probleme frühzeitig thematisiert werden. Manchmal verwehren Schulleiter Bildungsprojekten Zugang zu den Klassen mit der Begründung: „Ihr wollt doch nur für euch werben“, in dem Sinne, dass Homosexualität ansteckend sei. Solange Lehrer keine Offenheit vorleben, kann man sie von den Kids schwer erwarten. Deshalb muss in Fortbildung investiert werden sowie in die Ausbildung. KL: Anderes Beispiel, Kitas: Warum sollten Erzieherinnen und Erzieher bei der Anschaffung von Spielzeugen nicht darauf achten, dass in den Bilderbüchern auch mal von Mama, Mama, Kind erzählt wird? Darum geht es doch, um eine Sensibilisierung für das Thema. Die kann man mit wenig Aufwand erhöhen, und sie hat langfristig große Effekte. Wer schon früh mit einer Normalität von Vielfalt konfrontiert ist, wird nicht in der Lage sein, ein Ablehnungsempfinden gegenüber anderen zu entwickeln.
Wie wird die Community einbezogen, bekommen Bildungsprojekte ein Stück vom Haushaltskuchen ab?
KL: Wir wollen projektbezogene Bildungskompetenz stärken. Damit sind keine Vergabeentscheidungen vorweggenommen. Es hat keinen Sinn, nun die große Gießkanne auszukippen und überall etwas mehr Geld zu geben. Konzeptionell müssen wir gemeinsam etwas entwickeln. Wenn nicht jeder individuell um eine halbe Stelle mehr kämpft, weil es dem eigenen Projekt dient, sondern alle miteinander in der Lage sind, für ein Anliegen einzutreten, wäre das vielleicht eine der größten und schönsten Lehren. Allein mir fehlt der Glaube, dass es bis ins letzte Glied auch so verstanden wird.
Politisch ist das Thema nicht das prestigeträchtigste. Was hat euch motiviert, am Ball zu bleiben?
KL: Als ich angefangen habe mit Politik, dachte ich, als Schwuler müsse ich nicht zwangsläufig Politik für Lesben, Schwule, Trans*, Inter- und Bisexuelle machen. Irgendwann habe ich begriffen, dass es, was die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung angeht, keine Alternative gibt, selbst aktiv zu werden. Mit jedem Schritt, den ich schließlich gegangen bin, tauchten drei neue Probleme auf. Und ich vermute, dass es künftig nicht anders wird.
SE: Bei uns haben schwule Kollegen eigentlich das Gleiche gesagt, sie wollen fachlich, inhaltlich arbeiten und nicht auf ihre Homosexualität reduziert werden. Das kann bei mir nicht passieren. Für mich war das ein reizvolles Thema, vielleicht, weil es kein politischer Mainstream ist, sondern ein Bereich, in dem man mich mehr oder weniger machen lässt, in dem ich relativ viel Spielraum habe.
Ist es ein Zeichen von Akzeptanz, dass es nicht mehr pc ist, sich negativ über Minderheiten zu äußern?
KL: Nein, das ist eher eine Gefahr. Dieser Wind kann sich relativ schnell drehen, wenn es nur noch um Bekenntnisse geht. Das ist etwas, worauf Bernd Simon (Professur für Psychologie, Anm. der Redaktion) damals in der Debatte hingewiesen hat. Niemand, ob Trans*, Lesbe oder Schwuler, sollte glauben, dass der Versuch, sich auf dem Rücken anderer Minderheiten bei der Mehrheitsgesellschaft anzubiedern, auf Dauer zu einem realen Anerkennungsfortschritt führt. Dafür gibt es überhaupt keine Garantie. Letztlich sind die Diskriminierungsursachen im Einzelnen immer dieselben, und selbstverständlich sind auch Teile der Community nicht frei von Vorurteilen, nicht frei von Diskriminierung, Rassismus oder Machismus. Insofern geht es uns mit der Initiative auch nicht darum, dass wir Lesben, Schwule oder Trans* nun den Rest der Welt bekehren wollen, sondern dass es auch eine große Herausforderung an uns alle ist. Für die Community gibt es keinen Grund für Borniertheiten.
Taugt die Initiative bundesweit als Pilot?
SE: Ja, auf jeden Fall. Und in Berlin haben wir es vergleichsweise einfach: In Großstädten herrscht ein offeneres Klima. Wichtig wäre, wenn das Vorbildwirkungen in die Breite hätte und sich auch auf dem Land durchsetzt.
KL: Ganz klar: Was hier in den letzten vier, fünf Jahren passiert ist, ist großartig. Nicht zuletzt auch durch die substanzielle Unterstützung der vielen Projekte, die in Berlin Kärrnerarbeit leisten, ob ABQueer, Gladt, LesMigras oder die Schwulenberatung, die sich abstrampeln und die Möglichkeiten ihrer Arbeit mühsam erkämpfen müssen.
Interview: Sirko Salka, Zeitschrift „Siegessäule“