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31.01.2009

Die Linke heute und die Geschichte der Novemberrevolution

Wozu heute Geschichte? Und wozu die Geschichte der Novemberrevolution?

in: Die ungeliebte Revolution 1918/19 und die Linke. VII. Ständiges Kolloquium zur historischen Kommunismus- und Sozialismusforschung, in: Pankower Vorträge, Heft 129, Berlin 2009, S. 22 ff.

von Klaus Lederer


Zeitgleich zum diesjährigen Kolloquium fand im Gebäude des Berliner Abgeordnetenhauses, dem ehemaligen Preußischen Landtag und Gründungsort der KPD im Dezember 1918, auch die Rechtsextremismus-Konferenz der Linksfraktionen von Bundestag und Abgeordnetenhaus statt. Dieses Thema zog zum Glück über alle Erwartungen hinaus viele Menschen an. Unser Kolloquium nahm sich dagegen nur anständig besucht aus.

Ich denke, dass das Ausdruck des Zustands ist: Historische Fragestellungen der Geschichte der Arbeiterbewegung sind für viele Linke heutzutage im Wortsinne von gestern. Mit ihnen mögen sich Historikerinnen und Historiker befassen, möglichst linke, damit ihnen historische Gerechtigkeit widerfahre. Im Übrigen bieten sie den verschiedenen Strömungen der Linken allemal die Möglichkeit der Selbstvergewisserung, für die Älteren unter ihnen insbesondere noch einen Anlass zum Gedenken.

Das ist schade, aber es ist auch eine Frage an uns: Wie gelingt es, solche Themen in einer Art und Weise aufzugreifen, dass die Beschäftigung mit ihnen auch für die Linken von heute, vor allem die Jüngeren unter ihnen, als augenfällig sinnvoll, lohnend und sogar wertvoll erscheint – nicht nur als Remineszenz an eine weit zurückliegende Zeit und als Gelegenheit für Gedenkrituale? Die Relevanz der Auseinandersetzung mit Rechtsextremen liegt für jede Linke und jeden Linken heutzutage auf der Hand. Bezüglich der „eigenen“ Geschichte und der Geschichte der Novemberrevolution 1918 in Deutschland scheint das offenbar nicht ohne Weiteres so zu sein.


In der PDS waren historische Themen immer außerordentlich sensible Themen. Das gilt natürlich insbesondere für die Geschichte des gescheiterten Sozialismusversuchs, weil hier nicht nur die Jahrzehnte alten Dogmen und Mythen der eigenen Parteigeschichte in Frage gestellt wurden, sondern – zumal vor dem Hintergrund der geschichtspolitischen Instrumentalisierung der DDR-Geschichte im bundesdeutschen Vergangenheitsdiskurs – für viele der PDS-Mitglieder auch die eigenen Biografien und Lebensleistungen mit all ihren Widersprüchen. Schon die Gründungsjahre der PDS waren zudem von einer nur sehr oberflächlichen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und seinen nachwirkenden ideologischen Wirkungen auf linkes Denken geprägt.  

Mit fortschreitender Akzeptanz der PDS, dem Weg von Wahlsieg zu Wahlsieg, schien das auch mehr denn je entbehrlich. Wir waren uns ja sicher: Wir hatten unsere Hausarbeiten gemacht. So konnten wir der Öffentlichkeit erklären, keine Partei, die in diese jüngere Geschichte involviert war, habe sich so gründlich mit der eigenen Vergangenheit auseinandergesetzt, wie die PDS. Auch ich selbst habe das oft genug erklärt, und es ist ja auch sehr viel dran. Der Außerordentliche Parteitag der SED-PDS im Dezember 1989 betonte den Bruch mit dem Stalinismus. Das Referat von Michael Schumann wird bis heute im innerparteilichen geschichtspolitischen Diskurs immer wieder nicht nur als Manifest des Aufbruchs herangezogen, sondern gar als „antistalinistischer Gründungskonsens“ beschworen.

Das ändert aber nichts daran, dass sich „die langen Schatten“ des Stalinismus auch heute noch über manch programmatische oder strategische Debatte legen.  So sind apologetische, elitäre, sektiererische Thesen und Praktiken auch im linken Gegenwartsdiskurs und in der innerparteilichen Debatte der neuen LINKEN sehr präsent. Oftmals kaschieren sie Ideen- und Hilflosigkeit angesichts der beachtlichen politischen Herausforderungen der heutigen Zeit. Sie sind vor allem Ausdruck der gegenwartspolitischen Defensive der Linken und einer nicht durchgreifend, konsequent und breit geführten Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis der verschiedenen kollektiven und individuellen Akteure in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Gemeint ist insbesondere die Periode des Parteikommunismus und des Staatssozialismus als der Herrschaftspraxis und Herrschaftsform einer Bürokratenkaste. Diese Herrschaftsform war aber auch nicht einfach vom Himmel gefallen, sie hatte in der Geschichte der Arbeiterbewegung ihre Wurzeln.


Das eigene historische Verständnis von Theorie und Praxis der Arbeiterbewegung prägt natürlich immer auch die politische Theorie und Praxis einer gegenwärtigen Linken. Für den Antritt zu Wahlen und für die Praxis in den Parlamenten braucht sie nicht unbedingt eine Vorstellung von und eine Position zu den Ereignissen des Jahres 1917 in Russland, denen des Novembers 1918 in Deutschland oder zur (post)stalinistischen Herrschaft in den Ländern des staatsbürokratischen Sozialismus. Letztere würde angesichts der Sensibilität in Teilen der Mitgliedschaft der LINKEN vielleicht sogar kurzfristig schaden und demobilisierend wirken. Auf der anderen Seite wird sie insbesondere hinsichtlich des „real existierenden Sozialismus“ immer wieder zu Positionierungen veranlasst, die sie ohne eine begründete eigene Haltung an „sozialistischen Maßstäben“ immer nur affirmativ vollziehen kann – in Orientierung am geschichtspolitischen Mainstream, der ein bürgerlicher ist und letztlich darauf hinausläuft, das Bestehende zu legitimieren. Will die gegenwärtige LINKE gesellschaftliche Veränderungsprozesse aber weiter denken als nur als schlichte, leicht reformistische Reproduktion des status quo oder – alternativ, und durchaus nach wie vor „in“ – als rhetorische und agitatorische Übung des Beklagens der Ungerechtigkeiten herrschender Zustände, will sie tatsächlich radikale Realpolitik zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse betreiben, dann ist ein breiter geschichtspolitischer Diskurs und ein historisches Bewusstsein von den Wegen und Irrwegen der Arbeiterbewegung unverzichtbar. Gedenken meint hier vor allem kritisches Denken und kritische Reflexion. Und das „Super-Gedenkjahr“ 2009 zeigt auch, dass es ein Defizit innerhalb der Linken gibt, sich historischen Fragestellungen zuzuwenden. Geschichte ist gewissermaßen ein defizitär behandeltes Pflichtfach der Linken.


Deshalb ist es wichtig, daran noch intensiver zu arbeiten. DIE LINKE. Berlin versucht hierzu ihren Beitrag zu leisten. Sie unternimmt seit 3 Jahren den Versuch, geschichtspolitische Themen im Landesverband anhand historischer Daten mit Veranstaltungen und Publikationen aufzugreifen. Unterstützt und begleitet wird diese Arbeit von der Geschichtskommission des Landesverbandes, in der Historikerinnen und Historiker konzeptionell mitarbeiten. So haben wir beispielsweise am 7. November 2007 im Kino „Colosseum“ in Berlin-Prenzlauer Berg die Russischen Revolutionen 1917 mit einem Programm aus Vortrag, Film, künstlerischer Darbietung und Podiumsdiskussion gewürdigt. Am 12. März 2009 waren wir in Berlin-Lichtenberg, um den Opfern der Märzkämpfe 1919 im Belagerungszustand zu gedenken. Anschließend fand im „Theater an der Parkaue“ eine Veranstaltung zur Novemberrevolution 1918 statt – mit Filmausschnitten, szenischer Lesung und wiederum einer spannenden Podiumsdiskussion.


Um die Novemberrevolution 1918 ist es in der gesellschaftlichen Wahrnehmung sehr ruhig geworden. Als könne niemand recht sagen, wozu sie heute noch tauge. Das war noch vor nicht allzu langer Zeit gänzlich anders. In der Zeit der Weimarer Republik und der Zeit des Ost-West-Konflikts eignete sie sich hervorragend für die Lager- und Mythenbildung.

In der DDR wurde sie lange Zeit als eine gescheiterte, eine „steckengebliebene“ sozialistische Revolution betrachtet. Die Erklärungen für dieses Scheitern waren die Basis für die These, dass ohne eine disziplinierte führende kommunistische Partei der Sozialismus nicht zu machen und dass der Sozialdemokratie der Verrat geradezu eingeschrieben sei. Damit konnte ideologische Ab- und Ausgrenzung genauso gerechtfertigt werden wie es die Rechtfertigung des bestehenden Parteikommunismus als „bestmöglicher Form“ des Sozialismus, als konsequent und alternativlos ermöglichte. Die parteikommunistische Sichtweise auf die Novemberrevolution 1918 war zunächst Instrument im Lagerkampf innerhalb der Arbeiterbewegung, in der Zeit des kalten Krieges war sie herrschaftsideologisch geprägt. Unnötig zu sagen, dass diese Position zwar hegemonial war, aber durchaus tagespolitisch-pragmatische „Korrekturen“ vertrug und auch niemals völlig ohne Auseinandersetzung, Zweifel und Widerspruch blieb. Diese Grundperspektive fand und findet sich auch heute noch in der „Quellpartei“ PDS der neuen Linken, und sie hat auch Teile der Westlinken geprägt und prägt sie bis heute. Sie ermöglicht ideologische Identitätsbestimmung in Abgrenzung zur SPD oder sogar zu demokratisch-sozialistisch-reformerischem Denken überhaupt. Sie geht einher mit der märtyrerhaften Überhöhung der (durchaus zu bestimmenden) Rolle der Spartakus-/KPD-Akteurinnen und Akteure während der Ereignisse im Winter 1918/19. Diese alles andere als kritische Reflexion der Novemberrevolution verschenkt die Chancen zum „historischen Lernen“ aus diesem bedeutenden Ereignis der deutschen Arbeiterbewegung.

Im Westen lagen die Dinge noch widersprüchlicher. Die Sicht auf die Novemberrevolution war in der frühen Bundesrepublik durch ideologische Verdrängung und antikommunistischen Zeitgeist geprägt. „Parlamentarismus oder Bolschewismus?“ sei die Entscheidungsfrage dieser Tage gewesen. Der SPD brachte das um den Preis der Aufgabe der revolutionären Traditionslinien der Arbeiterbewegung die geschichtspolitische Rehabilitierung vom Vorwurf des Vaterlandsverrats. Sie machte sich dieses historische Erklärungsmuster zu Eigen. Erst seit den siebziger Jahren wurde es vorsichtig aufgebrochen und wich einer differenzierteren Beurteilung.

Und wiederum ermöglichte eine spezifische historische Lesart die herrschaftsideologische Instrumentalisierung der Novemberrevolution in der Bundesrepublik: Ihr Ergebnis war danach folgerichtig, die Nazizeit eine irrige Zwischenperiode der deutschen Geschichte, die Vollendung der bürgerlich-demokratischen und – mit Blick auf den Gegner im Kalten Krieg und dessen Epigonen im eigenen Land – antikommunistischen Verhältnisse in der Bundesrepublik ebenfalls konsequent und alternativlos, weil sich der westeuropäische Parlamentarismus, „die Freiheit“, zum Glück als stärker erwiesen habe. Noch heute wird beispielsweise von den Januarereignissen 1919 oft und historisch unzutreffend als „Spartakusaufstand“ gesprochen.


Diese „relative Ruhe“ um die Novemberrevolution wird ihrem Stellenwert natürlich nicht einmal ansatzweise gerecht. Diese Feststellung richtet sich gerade auch an die Linke. Denn heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, sind die Voraussetzungen besser denn je, den erreichten Stand der historischen Forschung zur Analyse und zur politischen Bewertung der Novemberrevolution aus linker Perspektive aufzuarbeiten und fruchtbar zu machen. Nicht, um im schlichten Sinne aus ihr zu lernen, „falls es mal wieder so kommt“. Historische Situationen können nicht ihrem spezifischen historischen gesellschaftlichen Kontext entrissen werden, sie wiederholen sich nicht, sondern sind einmalig. Das retrospektive Wissen um die Umstände und Handlungen der gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure ist aber ein intellektueller Quell zur kritischen Reflexion der eigenen Sicht auf die Gegenwart und der eigenen politischen Praxis heute: für die Entwicklung einer differenzierenden, nüchternen Sicht auf gesellschaftliche Entwicklungsprozesse und Kräfteverhältnisse, für eine realistische Erfassung gesellschaftlicher Veränderungen und der Rolle kollektiven wie individuellen Handelns im gesellschaftlichen Kontext, für das Wissen um die Gefahren rhetorisch-revolutionär-sektiererischer wie status-quo-bezogener, rein systemimmanent gedachter Tendenzen und Strategien der Linken, für die Einschätzung historischer Möglichkeiten und Grenzen von demokratischen Veränderungen unserer Gesellschaft. Das werde ich hier nur kurz anreißen können, abgesehen davon, dass ich mich hier selbst erst am Anfang befinde.


Die Arbeiterbewegung als entscheidende Triebkraft für Deutschlands nachholende Modernisierung


Der Titel unseres Kolloquiums, „Deutschlands Eintritt in die Moderne“, erfasst es meines Erachtens recht gut: Die besondere Konstellation, die im November 1918 in Deutschland in eine Revolution mündete, ordnet sich ein in die europäische Gesamtsituation, die sich durch den Verlauf des ersten Weltkrieges in Europa ergeben hatte. Gleichzeitig war sie dennoch der Ausdruck der spezifisch deutschen politischen Lage und Widersprüche. Was bedeutet das konkret? Ich meine, dass es notwendig und aufschlussreich ist, sich den gesellschaftlichen Zustand und den Zeitgeist zu vergegenwärtigen, der gewissermaßen die historische Kulisse für den Ausbruch der Novemberrevolution und für das Handeln ihrer Akteure bildet – sowohl den europäischen als auch den spezifisch deutschen gesellschaftlichen Kontext:


Eric J. Hobsbawm beschreibt den ersten Weltkrieg als „Zusammenbruch der (westlichen) Zivilisation des 19. Jahrhunderts“, „die kapitalistisch (war) in ihrem wirtschaftlichen Aufbau, liberal in ihren rechtlichen und konstitutionellen Strukturen, bürgerlich in der Erscheinungsform ihrer charakteristischen tonangebenden oder herrschenden Klasse, stolz in ihrem Glauben an Wissenschaft, Ausbildung und Erziehung und den materiellen wie moralischen Fortschritt, und fundamental von Europa als Zentrum überzeugt – als der Geburtsstätte von Revolutionen und Wissenschaften, Künsten, politischen und industriellen Entwicklungen.“  Mit dem ersten Weltkrieg endete für Europa eine Ära des Friedens, der zunehmenden sozialen Stabilität in den Zentren, der Entwicklung der Massenorganisationen der Arbeiterbewegung, die die Abschaffung des florierenden Kapitalismus zu ihrem Programm erklärten, während sie gleichzeitig mit den von ihr errungenen demokratischen Möglichkeiten in vielen europäischen Nationalstaaten den bürgerlichen Liberalismus als die tonangebende Kraft liquidierten. Das war letztlich eine Konsequenz des bürgerlichen Fortschritts und der ökonomischen Entwicklung, führte aber den Liberalismus in eine tiefe gesellschaftliche Krise und zwang der Bourgeoisie einen tiefgreifenden Wandel ab.  


Der Ausbruch des ersten Weltkriegs hatte sämtliche Akteure auf der politischen Bühne mehr oder weniger überrollt und sie in neue Konstellationen, Kräfteverhältnisse und Widersprüche gezwungen, in denen sie sich nun bewegen mussten. Das betraf gerade auch die Arbeiterbewegung in den besonders florierenden und expandierenden Ländern, in denen sie sich als machtvolle Kraft organisiert hatte. „Was der Epoche (…) die ihr eigentümliche Stimmung und Atmosphäre verlieh, war der Umstand, dass jeder die kommenden Katastrophen zugleich erwartete, missverstand und einfach nicht daran glauben wollte. Ein Weltkrieg würde kommen, doch niemand, nicht einmal der beste aller prophetischen Geister, machte sich wirklich eine Vorstellung davon, wie dieser Krieg sein würde. Und als die Welt schließlich am Rande dieses Krieges stand, da stürmten ihre Entscheidungsträger in den Abgrund und konnten es einfach nicht fassen. Die großen jungen sozialistischen Bewegungen waren revolutionär, doch für die meisten ihrer Anhänger war die Revolution in gewisser Weise das logische und notwendige Ergebnis der bürgerlichen Demokratie, die den immer zahlreicher werdenden Vielen die Entscheidung über die schrumpfende Zahl der Wenigen in die Hand gab. Und für jene unter ihnen, die mit einem wirklichen Aufstand rechneten, konnte das vorrangige Ziel des Kampfes nur darin bestehen, eine bürgerliche Demokratie als notwendige Vorstufe zu etwas noch Fortschrittlicherem zu errichten. Somit blieben die Revolutionäre auch dann noch im Rahmen ihrer Epoche, als sie sich daran machten, aus ihm herauszutreten.“  


Bei der deutschen Novemberrevolution kommt der paradoxe Umstand hinzu, dass sie in Deutschland einen Zustand erst herbeizuführen half, der sich in den meisten anderen europäischen Ländern mit dem ersten Weltkrieg bereits in der Krise befand: bürgerlich-liberale Verhältnisse. Die deutsche Revolution am Ende des ersten Weltkrieges war Ausdruck der spezifischen halbabsolutistischen, abgewirtschafteten Verhältnisse des endenden wilhelminischen Zeitalters und damit mindestens eine nachholende bürgerliche Modernisierungsrevolution, weil sie einen langen und quälenden Prozess zum Ende brachte, den andere europäische Nationalstaaten mehr oder weniger bereits in Korrespondenz mit dem Durchbruch kapitalistischer Verhältnisse vollzogen hatten: die Institutionalisierung des Systems des bürgerlichen Verfassungsstaats mit parlamentarischer Regierungsform. Dabei kam der Arbeiterbewegung diejenige treibende Rolle zu, die anderenorts die Bourgeoisie als führende Kraft ausgefüllt hatte. Darauf vorbereitet waren, als es dazu schließlich kam, weder die großen Massenorganisationen der Arbeiterbewegung noch die meisten ihrer Denker und Führer.  


Die deutsche demokratische Revolution von 1848 war gescheitert und das Bürgertum hatte sich mit diesem Scheitern mehr oder weniger abgefunden. Von einem kleinen bürgerlich-liberalen Teil abgesehen, konnte sich die deutsche Bourgeoisie unter den Bedingungen des Kaiserreichs gut einrichten. Die beiden großen Herausforderungen der Revolution von 1848 hingegen, nämlich die Konstituierung des Nationalstaats nach außen und die Schaffung demokratisierter Verhältnisse im Innern, wurden von anderen Akteuren als zentrale Anliegen übernommen. Die Reichseinigung vollzog Bismarck mit Blut und Eisen, als reaktionäres Projekt, während die Schaffung bürgerlich-parlamentarischer Verhältnisse und die Überwindung der überkommenen Standesunterschiede als Aufgaben der jungen Arbeiterbewegung zugefallen sind. Die junge organisierte deutsche Arbeiterbewegung und das Bismarckreich bezogen sich immer als Antipoden aufeinander. Das bedeutet aber auch, dass sie einander beeinflussten.


Die deutsche Arbeiterbewegung ist in gewisser Weise auch das Produkt der gescheiterten Revolution von 1848: Die noch junge Sozialdemokratie war ihrem Selbstverständnis und ihrer Praxis nach eine revolutionäre Partei, sie verstand ihre Rolle in der Umwerfung der Verhältnisse des Kaiserreichs und bezog ihre Strategie auf dieses Ziel. Bereits darin lag ihre in den spezifischen Bedingungen ihrer Entstehung begründete Beschränkung, die mit Beginn und während des ersten Weltkriegs zu der Verkoppelung des Handelns ihrer politischen und parlamentarischen Führer mit den vermeintlich gebotenen äußeren Interessen des Reichs führte, sie die kaiserliche Kriegspolitik unterstützen ließ. Anders als für Lenin und die Bolschewiki war für die meisten deutschen Sozialdemokraten die Revolution eine Sache, die sich ergeben würde, wenn nur die Zeit dafür reif wäre. Als Tagesforderung wurde die Revolution von der Sozialdemokratie nie erhoben, als Projekt nie geplant.

Hinzu kommt die Struktur und Tradition der Organisation der Sozialdemokratie. Sie war geprägt einerseits von der Herausforderung der Illegalität in der Zeit der Sozialistengesetze, Disziplin und Geschlossenheit, andererseits von der Erfahrung, Schlupflöcher und Freiräume unter den jeweils gegebenen Bedingungen nutzen und damit – und sei es, weil die Gegenseite sie aus Gründen der Revolutionsfurcht und -prävention zugesteht – auch Erfolge erzielen zu können. Gedacht sei an etwa an die Bismarcksche Sozialversicherung, aber auch an spürbare Fortschritte in den Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterschaft. Hinzu kommt, dass die parlamentarische Vertretung der Sozialdemokratie im Reichstag trotz aller Drangsalierung und Sabotage ihrer Häupter und Glieder durch Polizei und Strafverfolgung, Zensur und Ausweisung, selbst während der Sozialistengesetze formal nicht eingeschränkt war. Die Repression schloss die Reihen, einte die Klasse: Als der ausgewiesene Paul Singer in den 1880er Jahren die Stadt Berlin verlassen musste, säumten Tausende Berliner Arbeiter den Weg zum Bahnhof und bereiteten dem Führer des Berliner Proletariats einen rauschenden und machtvollen Abschied. Die Sozialistengesetze führten genau zum Gegenteil ihres intendierten Zwecks: Die Sozialdemokratie des Kaiserreichs wurde nicht schwächer, sondern organisatorisch und auch parlamentarisch von Reichstagswahl zu Reichstagswahl stärker.

Es würde eine Frage der Zeit sein, bis sie dort – schon aufgrund der zahlenmäßigen Zunahme des Proletariats – die Mehrheit stellen würde. Schon aus diesem Grund musste die Schaffung vollständiger bürgerlich-parlamentarischer Verhältnisse den führenden Köpfen der Sozialdemokratie ein zentrales Ziel sein. Die Ausweitung dieses Einflusses war greifbar, er konnte als konkretes Ziel verfolgt werden. Die Revolution dagegen war ein Abstraktum. Sebastian Haffner schreibt hierzu: „Aber eine revolutionäre Partei, die sich begnügt, auf die Revolution zu warten, hört irgendwann auf, eine revolutionäre Partei zu sein. Die wirkliche Gegenwart ist stärker als die nur erhoffte und erwartete Zukunft, besonders dann, wenn das Erhoffte und Erwartete in eine immer fernere Zukunft zurückweicht und die Gegenwart sich als immer erträglicher erweist. Beides war der Fall.“  


Die Sozialdemokratie wuchs mit zunehmender Stärke in die Rolle einer staatspolitisch verantwortlichen Kraft hinein, die sich mit den politischen Zielvorstellungen der monarchischen Kabinette zu arrangieren oder sogar zu identifizieren begann. Das alles blieb nicht ohne Rückwirkungen auf ihre politische Strategiediskussion, vor allem aber auf ihre innere Organisation und Verfassung. Es entstand ein neuer Typ des Parteiorganisators, der aufgrund seiner besonderen Funktion im Parteiapparat maßgeblichen Einfluss hatte, aber auch eigene Interessen entwickelte und verfolgte, die sich von Programmen und intellektuellen Diskursen loszulösen begannen. Während sich die Köpfe der Sozialdemokratie gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbitterten theoretischen Debatten hingaben, entwickelte sich unter dieser diskursiven Hülle eine straff organisierte, disziplinierte Partei, aber diese Partei vertrat im Kern pragmatisch – und von Programmdiskursen ziemlich unberührt – Tagesinteressen.

Wie weit revolutionärer Anspruch und Wirklichkeit sich tatsächlich auseinanderentwickelten, kann anhand der Debatten um Fernziele und Nahziele oder um die Thesen Kautskys und Bernsteins nicht wirklich ermessen werden. Unmerklich, aber nachhaltig, hatten sich die Verhältnisse innerhalb der Sozialdemokratie hin zum ganz pragmatischen, machtgeleiteten Politikbetrieb verschoben. Das wird am deutlichsten in der Kürze der Spanne, die zwischen revolutionärer und kämpferischer Antikriegsrhetorik bei Ausbruch des 1. Weltkriegs im Juli 1914 und der geschlossenen Zustimmung der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion am 4. August 1914 und der sozialdemokratischen „Burgfriedenspolitik“ liegt. Witternd, dass hier der Zugang zum erstrebten Ziel bürgerlich-parlamentarischer Verhältnisse liegen könnte, und getragen von allgemein patriotischer Grundstimmung in der Gesellschaft, stolperte die SPD in den ersten Weltkrieg. Dieser Schritt legte mit einem Schlag den Zustand bloß, und er führte direkt in die Spaltung zwischen Mehrheitssozialdemokraten und Unabhängige. Beide unversöhnlich aufeinander bezogenen sozialdemokratischen Fraktionen vertraten im Verlauf des Krieges letztlich politisch jedoch das gleiche Ziel: Verständigungsfrieden und Parlamentarisierung – nur mit unterschiedlicher Vehemenz und Rhetorik und abweichenden taktischen Akzenten.

Innenpolitisch, Sebastian Haffner beschreibt diese Vorgänge sehr genau , verschob die Kriegsmaschinerie des kaiserlichen Deutschland sukzessive die Verhältnisse zwischen den Akteuren, und zwar letztlich zu Lasten des Kaisers und der Fürsten, während der Reichstag und die Militärbürokratie von dieser Verschiebung profitieren konnten. Die Oberste Heeresleitung (OHL) unter Hindenburg als Gallionsfigur und Ludendorff als Organisator nahm im Namen des Kaisers und seines Kabinetts exekutiv im Reich die Zügel in die Hand. Sie organisierte die Kriegsfähigkeit des Landes und herrschte mit diktatorischen Mitteln und nahezu unbeschränkten Vollmachten. Der Reichstag bewilligte mit seiner Mehrheit die Kriegskredite und konnte über diesen Hebel wenigstens erzwingen, als ernsthafter Diskussionspartner anerkannt zu werden, mit der vagen Hoffnung, dass auf einen baldigen Sieg die erhoffte Parlamentarisierung folgen werde. So wurde diskutiert und gleichzeitig tobte der Krieg, blutig und verheerend wie keiner zuvor.


Niemand rechnete mit einer Niederlage des Reichs, lange Zeit schien das Ergebnis nicht klar und das Reich war im Siegesdurst, der den ideologischen Kitt ausmachte, der es noch zusammenhielt. Als Ludendorff der bevorstehenden Niederlage dann schließlich doch ins Auge sah, trat er die Flucht nach vorn an und setzte gegenüber dem Kaiser und Hindenburg am 29. September 1918 die Parlamentarisierung der Reichsregierung und die anschließende Herausgabe des Waffenstillstandsgesuchs an Präsident Wilson durch. Mit diesem Plan wurden alle überrumpelt, einschließlich der konsternierten Reichsführung und der Sozialdemokratie, die sich quasi über Nacht in der erhofften Rolle wieder sah: Als Teil der bislang informellen Koalition mit Fortschrittspartei und Zentrum Trägerin der Reichsregierung zu sein, während ein Verständigungsfrieden in greifbare Nähe rückte. Die ausweglose Niederlage führte zur völligen Demoralisierung der Mannschaften, die Armee wurde zum Hort der Rebellion. Hunger und Not der Bevölkerung war plötzlich des Sinns patriotischer Aufopferung entkleidet, denn die war sinnlos geworden. Nur der Waffenstillstand ließ auf sich warten. Nach wie vor starben Menschen, wurden Menschen eingezogen, die Front wich zurück, aber sie hielt. Der Krieg war das bestimmende Moment im Leben der breiten Masse der Menschen gewesen, und er war letztlich die entscheidende Ursache für die soziale und politische Eruption, die die Novemberrevolution war. Die Führung der Mehrheitssozialdemokraten glaubte sich nämlich im November 1918 schon am Ziel, während Ludendorff hinter den Kulissen weiter taktierte und nach außen die Rolle des durchhaltewilligen und -fähigen Soldaten spielte – die Kulisse der späteren „Dolchstoßlegende“. Die Militärbürokratie regierte weiter, nur hinter neuer Fassade.


Nicht die Führung der Mehrheitssozialdemokratie löste die Novemberrevolution aus. Ein eigenmächtiger Schritt der Marineführung in den letzten Kriegstagen brachte schließlich das Fass zum Überlaufen. Die deutsche Flotte wurde bei Wilhelmshaven zusammengezogen und sollte am 30. Oktober zu einer letzten, sinnlosen Schlacht gegen die britische Flotte auslaufen. Das führte zu den Ereignissen, die am 4. November 1918 in Kiel losbrachen: Gegen diesen Befehl, letztlich gegen eine Meuterei der Marineführung hinter dem Rücken der neuen Reichsregierung, meuterten die Matrosen. Sie wollten sich nicht mehr opfern, und ihre Empörung richtete sich gegen diejenigen, denen dieser Krieg und die offensichtliche Niederlage zu verdanken war. Das hatte Folgen: Waren es erst einige wenige, die meuterten, so begehrten die Übrigen wenige Tage später gegen das diesen Matrosen drohende Schicksal – Haft und Standrecht – auf. So sollte mit dieser Revolte aus Kiel das Zentrum der Revolution werden.

Die Eruption, die am 4. November 1918 ausbrach und nach und nach das Reich erfasste, richtete sich vor allem gegen die Autoritäten und die Institutionen der Militärbürokratie. Sie ersetzte sie durch die spontane Form der Arbeiter- und Soldatenräte.  Ein strategisches Führungszentrum hatte diese Revolution nicht, niemand hatte sie geplant. Sie war Ausdruck und Auflösung der konkreten Widersprüche, die diese letzte Etappe des ersten Weltkrieges hervorgebracht hatte.


Verpasste Möglichkeiten


Die Novemberrevolution war vom Charakter und ihren Forderungen her eine soziale und demokratische Revolution, und vor allem richtete sie sich gegen die Militärdiktatur, die neben der neuen Reichsregierung weiterhin als starker Machtfaktor agierte. Die Massen waren ja selbst sozialdemokratisch, was sie wollten, war die Vollendung dessen, was die MSPD-Führung schon erreicht zu haben glaubte.


Das Handeln der mehrheitssozialdemokratischen Führung, die nach wie vor auf das Vertrauen der Massen bauen konnte, richtete sich vom ersten Tag an auf die Eindämmung der Revolution und die Herstellung von „Ruhe und Ordnung“. Als Noske in Kiel von den Matrosen als einer der Ihren empfangen wurde, sie ihn sogar zum Gouverneur wählten, setzte er unverzüglich seine Kraft ein, die Rebellion zu ersticken. Diese Strategie wurde kennzeichnend für das Handeln der MSPD-Führung während der gesamten Revolutionsperiode: sie versuchte sich, wo es möglich war, an die Spitze der Revolution zu setzen und ihr durch prophylaktische Maßnahmen und symbolische Schritte die Spitze zu nehmen. So kam es zur Abdankung des Kaisers, zur Ausrufung der Republik durch Scheidemann. Begleitet wurde dies durch den Pakt zwischen Ebert und Groener, der schließlich im Jahr 1919 die verhängnisvolle Konstellation ergab, dass OHL und Reichsregierung gemeinsam die Revolution zusammenschießen ließen.


Genauso wie die Kieler Revolte waren aber auch die weiteren Eskalationen, wie die Januargeschehnisse in Berlin, kein „Aufstand der Radikalen“ . Die USPD war keine straffe, revolutionäre Partei, wie die Bolschewiki. Die Repression hatte sie während des Krieges immer wieder geschwächt, wenngleich es der Opposition und den revolutionären Obleuten gemeinsam seit 1917 mit organisierten Streikbewegungen und Agitation gelungen war, Teile der Arbeiterschaft des Reichs politisch zu mobilisieren und revolutionär zu politisieren. Und auch die KPD/Spartakus war weit davon entfernt, über die strategischen und vor allem organisatorischen Potenziale zu verfügen, in die spontane Dynamik der dezentral organisierten Arbeiterschaft einen sozialistischen oder kommunistischen Revolutionsplan implantieren zu können. Die Januarereignisse 1919 waren Ausdruck des fortgesetzten Ziels der Arbeiterschaft, das in der Revolution bislang Erreichte zu stabilisieren oder einige der zurückgedrehten Ergebnisse wiederzugewinnen. Es war der zweite Versuch aus gleicher Motivation, geprägt von den Enttäuschungen über den Verlauf der Revolution und über ihre Ergebnisse bis in den Jahreswechsel 1918/19. Als aber die Situation sich dann aber erneut in Richtung Revolte zu entwickeln schien, waren es vor allem die Führer – von den Revolutionären Obleuten über Unabhängige bis hin zur frisch entstandenen KPD –, die sich in der Dynamik der Ereignisse weder über den Charakter dieser Entwicklung noch über die richtige Strategie einig und im Klaren waren.


Die Angst vor einer Revolution war mitentscheidend für die Bereitschaft der herrschenden Kräfte in der Militärführung und Monarchie gewesen, der sozialdemokratischen Führung Konzessionen zu machen. Nur die Sozialdemokraten konnten Sozialdemokraten davon abhalten, die Geschicke des Reichs in die eigene Hand zu nehmen. Dazu musste ihnen aber etwas geboten werden, was es ihnen als lohnenswert erscheinen ließ, in der Dynamik des Revolutionsprozesses die Seiten zu wechseln. Das war die Aussicht auf die bürgerliche Modernisierung und die Parlamentarisierung des Reichs. Die Akteurinnen und Akteure der verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung (MSPD, USPD, Spartakus/KPD und Obleute) gerieten untereinander in einen Ziel- und Handlungswiderspruch, den aufzulösen ihnen in der sie fesselnden Befangenheit während des gesamten Revolutionsverlaufs nicht gelang. Sie standen von Anfang an in einem strategischen Gegensatz zueinander, der sich im weiteren Verlauf der Revolution verschärfte und schließlich in dem mündete, was vorgeblich zu vermeiden war: den Bürgerkrieg.  


Wenn ich meine, dass der Novemberrevolution ein die bürgerlich-parlamentarische Modernisierung „überschießendes Element“ innewohnte, dann sind damit die Potenziale der Revolution angesprochen: die demokratische und soziale Erneuerung, die Ergänzung bürgerlich-parlamentarischer Verhältnisse durch radikaldemokratische Institutionen, die die Revolution als ihre institutionelle Form aus sich heraus hervorgebracht hatte. Dieses „überschießende Moment“, die temporäre Bereitschaft eines großen Teiles der Massen für eine soziale und demokratische Revolution, war die Option dieser Revolution. Sie barg weitergehende Möglichkeiten, die aufgrund der inneren Widersprüche in der Arbeiterbewegung ungenutzt blieben.

Das wird auch nicht dadurch geschmälert, dass hier der Keim für eine verhängnisvolle und nachhaltige Spaltung der Arbeiterbewegung lag. Die gegenrevolutionären Kräfte konnten viele ihrer Bastionen halten, die Apparate des Reichs als Apparate der neuen Verfassungsrepublik ihre Machtposition stabilisieren – es entstand die „Demokratie ohne Demokraten“. Eine grundlegende Demokratisierung, die sowohl die Chance geboten hätte, diese Potenziale der Novemberrevolution weitergehend zur Geltung zu bringen, als auch die Ergebnisse der Novemberrevolution nachhaltig zu manifestieren, blieb aus. Das ist ihre eigentliche Tragik.


Die Novemberrevolution 1918/1919 und die Linke heute


Die aktuellen globalen Krisenerscheinungen bestätigen bisher nur die Notwendigkeit einer politischen Neukonstituierung der Grundlagen unserer Gesellschaft. Und so wird nun in ganz anderer Weise und in ganz anderer gesellschaftlicher Breite wieder über Alternativen diskutiert, als es seit den siebziger Jahren lange der Fall war. Ein Monopol der Linken auf Rezepte in der Krise gibt es allerdings nicht.


Die Frage nach den „historischen Möglichkeiten“ in unserer Gegenwart ist offen. Die Linke befindet sich nach wie vor in der Defensive, in „Suchbewegungen“.  90 Jahre nach der Novemberrevolution haben sich zudem die Voraussetzungen, Sozialismus zu denken, gravierend verändert. Die Arbeiterbewegung der damaligen Zeit sah den Wind des Fortschritts in ihren Segeln – sie glaubte die Geschichte auf ihrer Seite zu haben. Aber, wie wir heute wissen, „History is on no one´s side. ´Revolution´ im Sinne eines ganz anderen, eines großen Anderen ist kaum mehr denkbar.“ .

Wie vor hundert Jahren produziert unsere Gesellschaft ihre Widersprüche, erzeugt die ihre Entwicklung fortwährend vorantreibenden Gegenkräfte, assimiliert sie oder grenzt sie aus. Aber „der Kapitalismus“ hat sich dadurch ebenfalls verändert. Sein Akkumulationsregime und seine politische Form sind Ergebnis der Handlungen gesellschaftlicher Kräfte, die wiederum von Geschichte und Gesellschaft beeinflusst sind. Die gegenwärtige Krise eröffnet also wiederum Möglichkeiten für Veränderungen und Brüche in der historischen Entwicklung. Das ist heute nicht anders als vor 90 Jahren.

Ob diese Möglichkeiten genutzt oder vertan werden, hängt von den Fähigkeiten politisch-sozialer Bewegungen und organisierter Akteurinnen und Akteure ab, aus der Kritik der konkreten bestehenden Verhältnisse heraus konzeptionell wie praktisch ihre Veränderung in Richtung sozialerer und demokratischerer Verhältnisse zu betreiben.


Die Kräfte der Arbeiterbewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts einte das Ziel, die Verhältnisse grundlegend umzuwälzen, die umfassende politische Emanzipation des Menschen zu bewerkstelligen. Ihre strategischen Einschätzungen, welches Handeln hierfür geboten sei, gingen auseinander. Aus retrospektiver Sicht lässt sich sagen, dass sie auf ihre Weise jeweils einer „idealistischen“ Fehleinschätzung unterlagen. Die „Reformisten“ überschätzten die bereits dem Reich innewohnenden demokratischen und sozialen Möglichkeiten der Gesellschaftsveränderung und die Kraft der Reaktion in geradezu naiv erscheinender Weise, die revolutionären Kräfte die realen Voraussetzungen für einen grundlegenden „Sturz des Kapitalismus“ innerhalb der spezifischen vorgefundenen Verhältnisse. Letztere agierten gewissermaßen aus der Hoffnung heraus, dass ihr Handeln, sollte dieser „Sturz“ gelingen, geradezu naturnotwendig in eine sozialistische Gesellschaftsverfassung münden würde. Sie waren „vom Ziel angetrieben“, das sie in greifbarer Nähe wähnten. In der Dynamik der Ereignisse der Novemberrevolution überfiel sie jedoch eine Ratlosigkeit, die letztlich zur mit revolutionären Phrasen nur schlecht kaschierten Handlungsunfähigkeit führte.


Bedenkenswert ist die Entwicklung der Mehrheit der Sozialdemokratie unter wilhelminischen Verhältnissen, die letztlich die spezifische Lagerentscheidung der Führer der MSPD zur Folge hatte. Sie ist ein Musterbeispiel für die strategische „Verstrickung“ in den Verhältnissen, bei denen der reformistische Emanzipationsanspruch zur bloßen Phrase verkommt. Aber auch das war kein Ergebnis historischer Zwangsläufigkeit, sondern Ausdruck einer Prägung ihrer Akteure durch die spezifischen halbabsolutistischen Verhältnisse des Kaiserreichs, die die erstarkende Sozialdemokratie ihrerseits geprägt hat. Jede linke Organisation oder Bewegung, gerade DIE LINKE als politische Partei in der Bundesrepublik, kann daraus nur lernen.

Noch am wirkungsvollsten zeigt sich das von der bodenständigen Verankerung in den Betrieben geprägte Agieren der revolutionären Obleute in den Tagen vor und in der Revolution. Die Obleute konnten noch vergleichsweise realistisch einschätzen, welche Optionen sich im Agieren der Massen eröffneten. Sie waren auch diejenigen, die – im Bündnis mit den Kräften der Opposition – den Gedanken der sozialen und demokratischen Revolte bereits während der letzten beiden Kriegsjahre sehr erfolgreich unter die Arbeitermassen trugen. Auch das ist eine wirklich wesentliche Erkenntnis für die Anbahnung von Erfolg oder Misserfolg beim Eingreifen in die politischen Kräfteverhältnisse: Die eigenen Ideen und Handlungen, sollen sie Wirkung zeitigen, müssen bei den konkreten Bedürfnissen und realen Bewusstseinszuständen in der Gesellschaft anknüpfen. Die Idee hat sich, in Anlehnung an Marx, noch immer blamiert, wenn sie von dem Interesse der Massen geschieden war.


Zur progressiven Veränderung unserer Gesellschaft können natürlich auch soziale Eruptionen beitragen. Vor allem: sie scheinen heut angesichts der absehbaren gesellschaftlichen Umbruchprozesse mehr denn je wieder denkbar zu sein. Ihnen wohnt jedoch nicht zwangsläufig ein emanzipatorisches Potenzial inne. Auch das sollte 90 Jahre später zu unserem Erfahrungsschatz gehören.

Auf eine Zwangsläufigkeit sozialistischer Emanzipation zu hoffen und hierfür die Rebellion zu beschwören – das ist nachvollziehbar, verständlich und zeugt von dem Unbehagen, welches aus der Diskrepanz zwischen Freiheitsideal und täglicher Lebenswirklichkeit entsteht. Eine politische Strategie, ein konzeptioneller Ansatz für linkes Handeln in Richtung gesellschaftlicher und individueller Emanzipation sieht allerdings anders aus.

Die Gegenwartslinke muss die soziale Frage unveräußerlich als demokratische Frage denken und daran auch ihr politisches Handeln orientieren. Dazu gehört zunächst, ihre eigene konzeptionell-theoretische und praktische Defensive als solche wahrzunehmen, statt sie wortgewaltig übertönen zu wollen. Rebellische und Revoltenrhetorik aus dem „Schatzkästlein“ der Geschichte der Arbeiterbewegung wären nicht das erste, was hierfür nützlich ist. Eher ein wenig Nüchternheit und Abgeklärtheit bei der Bestandsaufnahme.


Wenn der Kapitalismus heute von Veränderungen im globalen Maßstab geprägt ist, haben sich auch die „Stellschrauben“ seiner Transformation verändert. Das führt keineswegs zur Irrelevanz nationalstaatlichen oder lokalen Handelns! Selbst ein globaler Kapitalismus findet seine konkrete Materialisierung immer im lokalen Raum. Aber es verändert die Rahmenbedingungen für soziale und demokratische Strategien ganz erheblich, fordert neue Ideen, Handlungsformen, Netzwerke und Bündnisse. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die „Klassenlage“ undurchsichtiger und unübersichtlicher geworden ist – durchzogen von Interessenwidersprüchen und auch gespalten und neu zusammengesetzt durch die jeweilige politische Form des Kapitalismus, überlagert durch das in ihm jeweils hegemoniale Denken, den „Zeitgeist“ der Epoche.

Strömungsformen und strategische Differenzen innerhalb der Linken sind nicht zuletzt Ausdruck der diesem gesellschaftlichen Zustand innewohnenden Widersprüche und Handlungsdeterminanten. Dies spricht wiederum dafür, diese Widersprüche und Handlungsdeterminanten zu identifizieren, um sich in diesem Spannungsfeld strategisch klug bewegen zu können. Es mutet angesichts dessen schon eigentümlich an, mit welcher Selbstgewissheit und Unerbittlichkeit manche Strömung der Linken für sich – völlig geschichtsvergessen – nach wie vor die absolute Wahrheit über den Weg zu einem „neuen“, dann aber wohl wenig erneuerten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ gepachtet zu haben glaubt. Dass derartige Spaltungen verheerende Folgen für soziales und emanzipatorisches Handeln haben können, zeigt uns die Novemberrevolution 1918/1919 ebenfalls.


Die zentrale Lehre aus der Geschichte der Arbeiterbewegung (weit über das Ereignis Novemberrevolution hinaus) sollte aber unbedingt sein, dass es nicht egal ist, welche Mittel zur Erreichung eines zutiefst humanistischen Ziels, nämlich der allgemeinen gesellschaftlichen Emanzipation, einzusetzen wären. Es kann nicht oft genug festgehalten werden, dass sich die gegenwärtige Schwäche der Linken auch daraus speist, dass die emanzipatorischen Vorstellungen aus der Geschichte der Arbeiterbewegung genutzt werden konnten, um die demokratischen und freiheitlichen Dimensionen der sozialen Sicherheit und Freiheit entgegenzusetzen. Dass daraus letztlich das genaue Gegenteil dessen wurde, was das emanzipatorische Freiheitsversprechen der sozialistischen Linken beinhaltete, hat ihr auf Jahrzehnte hinweg Kraft und Substanz entzogen, Strahlkraft und Mobilisierungsfähigkeit genommen – von dem Blutzoll von Millionen Toten ganz abgesehen, die diese parteikommunistisch-bürokratische Herrschaft gefordert hat.  

Gesellschaftliche Emanzipation als umfassende Demokratisierung, als Prozess kollektiver Selbstermächtigung zu denken, hat Rosa Luxemburg in ihren Schriften immer wieder geleistet. Sie zu verwirklichen steht aus. Ob sie jemals gelingt, wird (nicht allein, aber auch) davon abhängen, ob die Linke und die organisierten Bewegungen und Netzwerke solche historischen Erfahrungen ernst nehmen. Und ob sie in der Lage sind, eine diese Lehren beherzigende politische Kritik und Praxis zu entwickeln.