Nachdem der Generalsekretär des ZK der SED Honecker aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten war, gewann die Entwicklung in der DDR und in Berlin eine Dynamik des Umbruchs, die zunächst aus meiner Perspektive vornehmlich in ihr selbst stattfand. Plötzlich wurde über Dinge öffentlich diskutiert, die vorher in meinem Leben nur als Gerüchte und Klatsch oder als sehr oberflächliche Wahrnehmung abgespielt hatten. Es entstand eine Aufbruchstimmung, die ich selbst als großes Erlebnis und eine Befreiung aus eignen Unsicherheiten und Zerrissenheiten empfand. Die DDR sollte besser gemacht werden: offene Diskussionen, das Volk sollte die Macht übernehmen, mit den dunklen Seiten der Vergangenheit sollte aufgeräumt werden, alles sollte ans Licht. Was ich in dieser Zeit über „meine Heimat DDR“ erfuhr, war schmerzlich. Als im Radio über Waffenlieferungen an Contra-Regimes gegen harte Währung berichtet wurde, brach in mir eine Welt zusammen. Die Solidarität mit Nicaragua war mir eine persönliche Angelegenheit. Erstmals kamen mir der Gedanke und das bedrückende Gefühl, dass sich noch viel mehr als wahr herausstellen würde, als ich es selbst jemals für möglich gehalten hätte. Die massenhafte Überwachung der eigenen Bevölkerung, die soziale und repressive Kontrolle der Kommunikation, die Disziplinierung der „eigenen“ kritischen Geister – zu früheren Zeiten in der UdSSR mittels Folter und Erschießung, Gulag und Kommandirowka – durch Ausbürgerung und Ausschluss aus gesellschaftlicher Teilhabe, das alles erschien mir für Sozialistinnen und Sozialisten zunehmend absurd.
Über eine Million Menschen demonstrierten auf dem Alexanderplatz. Das Zentralkomitee trat zurück, die Regierung wechselte. In den Zeitungen wurde erregt über die Perspektive der DDR diskutiert. In unserer Schule löste sich die FDJ auf. Wir hatten einen Vertreter des FDJ-Zentralrates zur Diskussion an der Schule einbestellt. Der kam auch, denn inzwischen war alles in Bewegung geraten und die „Organe“ versuchten auf ihre Weise, in der aufkommenden Bewegung etwas zu tun. Die Debatte war ein Desaster. Wir selbst sahen klarer als der Gesandte. Die Mehrheit der Beteiligten schmiss die Mitgliedsbücher auf den Tisch. Zwanzig Leute machten weiter, erklärten sich aber als „von der FDJ autonom“ und nannten sich zunächst FDJ-Offensive. Warum wir so widersprüchlich handelten, ist mir noch heute nicht klar. Jedenfalls waren wir von da an autonom. Wir schrieben zuerst einmal einen Aufruf, den ich mir heut gern mal durchlesen würde. Leider ist er mir abhanden gekommen. Anfang Dezember 1989 fanden wir uns mit vielen anderen autonomen linken Jugendgruppen aus allen Teilen der DDR in der Carl-von-Ossietzky-EOS zusammen und gründeten die Marxistische Jugendvereinigung (MJV). Von da an arbeiteten wir bundesweit vernetzt. Unsere Hauptaufgabe: Diskussionsveranstaltungen, Bildungsveranstaltungen, Öffentlichkeit organisieren, am Runden Tisch der Jugend mitdiskutieren und -entscheiden. Gemeinsam mit wiederum anderen Jugendorganisationen trat die MJV zu den Volkskammerwahlen im März 1990 an. Es fehlten nur wenige Stimmen für ein Volkskammermandat.
Für mich, der ich als Vertreter der MJV am Runden Tisch der Jugend Berlin saß, begann eine sehr interessante Erfahrung. Gemeinsam mit dem Vertreter des Christlichen Jungmännerwerks (heute: CVJM) nahm ich für einige Monate das Mandat des Runden Tisches der Jugend am Berliner Runden Tisch im Roten Rathaus teil. Wir hatten gemeinsam eine Stimme. Wir haben uns, soweit ich mich erinnere, immer geeinigt. Hier erlebte ich die Auflösung des Berliner MfS/AfNS, die Diskussion um eine Verfassung für Berlin, noch immer Hauptstadt der DDR, und die Probleme der Stadtpolitik, mit denen sich der Runde Tisch befasste. Ansonsten arbeitete ich für mein Abitur, las viel und war viel unterwegs. Zuhause schlief ich oft nur noch. Nach der Kommunalwahl etablierte sich eine christlich-sozialdemokratische Stadtregierung. Von diesem Augenblick an spielte der Runde Tisch nur noch eine Randrolle. CDU und SPD erschienen nicht mehr. Der Runde Tisch löste sich auf, er hatte seine Funktion abgeben müssen. In Mitte schrieb ein Graffiteur an eine Hauswand: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die schönste Zeit!“ Das tägliche Leben änderte sich. Es gab wieder eingefahrene Wege, übliche Routinen, ein für mich ungekanntes Maß an Verwaltung des Lebens und Alltags vieler Menschen. Aus dem Jahr 1989 hatte ich noch im Ohr, die DDR sei eine vormundschaftliche Bürokratie gewesen. Mein neues Land war davon gewiss nicht frei. Die rosa-grün-schwarz-gelben Hartz-Gesetze zeigen, wie sich sogar soziale Ausgrenzung verwalten lässt.