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Glaubensfragen

„Für Politik“ habe ich mich immer interessiert, was auch immer das je nach Alter und Reifegrad bedeutet. Dies hieß für mich als Kind und Jungpionier: ich „stand“ zur DDR und zu Frieden, Antifaschismus, Freundschaft, Solidarität. Diese Dinge gehörten in meinem Bewusstsein zusammen. Gründe zu zweifeln, hatte ich nicht. Ich war Agitator und Gruppenratsvorsitzender der Jungen Pioniere, verteidigte die „Errungenschaften des Sozialismus“ und sammelte Altstoffe für das Überleben Nicaraguas. Kurz über lang würde der Sozialismus weltweit existieren. Es war nur eine Frage der Zeit. Wenn nicht alles perfekt war, dann lag das daran, dass die Menschen noch viel lernen würden bei der Errichtung des Sozialismus. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tage erbaut. 

Ich erinnere mich an die Reihe von Todesfällen bei KPdSU-Generalsekretären in den achtziger Jahren. Breshnew, Andropow, Tschernenko. Mich hat das seinerzeit schwer berührt. Ganztägig lief düstere Musik im Radio DDR. Ich wusste, dass wichtige Persönlichkeiten gestorben waren, die sich um den Aufbau einer besseren Gesellschaft verdient gemacht haben. Erst später habe ich mich gefragt, warum diese Männer allesamt sehr alt gewesen waren und weshalb sie geradezu vergöttert wurden. Erst später habe ich erfahren, dass die Militärparaden auf dem Roten Platz zwar auch mit dem Ende des Faschismus zu tun hatten, aber die Beteiligung an der Logik der Abschreckung auch in der DDR und in der SU unter Sozialistinnen und Sozialisten, aber auch Christinnen und Christen, stark in Frage gestellt und kritisiert wurde. Auch die Kernkatastrophe von Tschernobyl habe ich als junger Mensch so erfahren, wie es die Informationspolitik der Sowjetunion und der DDR-Eliten zuließ. Die Debatten, die dies ausgelöst hat, habe ich nicht mitbekommen. Nur, dass es der westlichen Propaganda zu verdanken sei, dass weniger Menschen Walderdbeeren und Pilze sammeln gingen. Es kursierten Witze wie der über die gesteigerte Taschenlampenausfuhr der SU: an Export-Gurken würde ein entsprechendes Etikett angebracht. Erst später las ich Christa Wolfs „Störfall“.

Was ich als großes Plus empfand: dass ich von den Schrecken der Nazidiktatur und dem Terror der Faschisten erfuhr. Aus meiner eigenen Perspektive war das vielleicht ein „verordneter“, aber kein unehrlicher Antifaschismus. Dass der Naziterror nicht vom Himmel gefallen ist, nicht von einem einzelnen Führer den im Übrigen anständigen Deutschen übergeholfen wurde, war eine allgegenwärtige Binsenweisheit. Mir ist unbegreiflich, weshalb solche Thesen in der Gegenwart immer noch diskutiert werden. Auch die politische Pflicht jedes Einzelnen, gegen ein Neuaufkeimen braunen Denkens zu kämpfen, nehme ich als Lehre aus diesen Erlebnissen mit. In den Jahren nach dem Ende der DDR ging mir oft durch den Kopf, warum die „Partei- und Staatsführung“, darunter Menschen, die von den Nazis eingesperrt und gefoltert worden waren, sowenig Distanz zu deren Ästhetik entwickelten: Stechschritt und Fackelzüge, Fahnenappelle und Ordensgeklapper, Paraden und Jubelinszenierungen.