Erst in den späten achtziger Jahren begann ich halbwegs bewusst einen Hauch der Widersprüche mitzubekommen, die das Ende der DDR ankündigten. Das war mir allerdings damals nicht mal ansatzweise klar. Wir waren 1987 nach Berlin umgezogen. Ich lernte an der Berliner Heinrich-Hertz-Schule und erlebte eine Zeit, die in den kommenden Jahren an Dynamik gewann. Für mich waren die Entwicklungen damals erst nach und nach verständlich. An manche Wahrnehmung aus dieser Zeit erinnere ich mich noch. Wenn der Name Gorbatschow fiel, leuchteten manche Augen. Andere Gesichter verdunkelten sich. Aber das war es auch schon: es gab keine einfache Antwort mehr, und auch diejenigen, die sich zur DDR bekannten, waren sich hier nicht mehr einig. Diese Widersprüche verdeutlicht der Ausspruch des Politbüromitglieds für Kultur, Kurt Hager, nachdem eine Renovierung beim Nachbarn auch nicht gleich den eigenen Tapetenwechsel zur Folge haben müsse. Von der SU lernen hieß doch aber Siegen lernen???
Ich nahm wahr, dass über die Tauglichkeit der DDR-Volkswirtschaft diskutiert wurde. Unsere Lehrer für „Produktive Arbeit“ und „Einführung in die sozialistische Produktion“ brachten uns bei, zwischen „Theorie und Praxis“ gründlich zu unterscheiden. Daran erinnerte ich mich, als in einem Material des ZK der SED die Vorzüge des neuen „Wartburg“ gepriesen wurden, um den erheblich höheren Endverbraucherpreis zu rechtfertigen. Es war ein offenes Geheimnis, dass sich die DDR-Automobilindustrie nur mit größten Schwierigkeiten auf dieses neue Erzeugnis eingestellt hatte. Ich las Hermann Kants „Aula“ und Erik Neutschs „Spur der Steine“ und lernte, dass die DDR eine Geschichte eigener Widersprüche hatte und nicht einfach logisch und rein „da war“. Wir diskutierten in der Schule das „Sputnik“-Verbot. Damals fand ich es noch überzeugend, als ein Lehrer uns erklärte: Genaueres wisse er auch nicht, aber er habe bisher immer darauf vertraut, dass die Maßnahmen der Partei richtig seien. Dies habe sich in der Vergangenheit auch bestätigt. Er meinte das ernst. Es gab Ärger mit der Schulleitung und erhitzte Debatten in der Schule, weil eine Schulwandzeitung abgehängt worden war. Ich wunderte mich, dass es auch in der DDR Neonazis gab. Das passte nicht in meine Erwartungen, denn die „hatten wir“ doch längst historisch überwunden…
Eine Zäsur meiner individuellen Phase der beginnenden Aufklärung war der Erwerb eines Stereokassettengeräts SKR 700 vom Jugendweihegeld. Von da an gehörte der Genuss des Jugendradios DT 64 zu meiner Freizeitgestaltung. Die Liedermacher Gerhard Gundermann und Hans-Eckhard Wenzel sangen dort Lieder, in denen sich viel meiner unterschwelligen Unklarheiten und Zerrissenheiten wiederfanden. Auch die „Ärzte“ waren dort zu hören – witzig, prima, sehr grundsätzlich. Gerhard Schöne und die „Die Skeptiker“ gaben ein Konzert in unser Wellblech-Schulturnhalle. Heiner Müller war zu Besuch. Das waren Menschen, die sich der DDR durchaus verbunden fühlten, aber ganz deutlich sagten: „Wenn es so weiter geht, geht es irgendwann nicht mehr weiter.“ So lernte ich, dass die Welt nicht mit schwarz-weißer Brille zu beschreiben ist. Dass die Dinge reichlich viel komplizierter liegen. Dieser Prozess meiner Säkularisierung dauerte jedoch noch sehr viel länger.
Schließlich spielten die Verhaftungen von Menschen aus Oppositionsgruppen auf der Liebknecht-Luxemburg-Ehrung eine Rolle. Damit musste ich mich allerdings nicht länger aufhalten, wenn ich akzeptierte, dass diese Demonstrationen von Konterrevolutionären aus dem Westen angezettelt wurden. Aber konnte ich das auch noch glauben, als Menschen von der Schule relegiert worden sind, weil sie sich gegen Militärparaden, Zivilverteidigungsunterricht und für offene Diskussionen ausgesprochen hatten? Dass die „Ausbürgerung“ bereits ein Jahrzehnt vorher zum Arsenal der „Kanalisierung“ von Debatten unter Kommunistinnen und Kommunisten, Sozialistinnen und Sozialisten, gehört hatte, musste ich erst noch erfahren. Vom Slansky-Prozess und den Erinnerung György Hodos´ wusste ich damals nichts. Das Massaker am Tiananmen-Platz in Peking und die „freiwillige Ausreise“ von Tausenden aus der DDR richteten ein immer größeres Chaos in meinem Kopf an. Was sollte ich noch glauben, was konnte ich noch glauben? Meine „klare Position“, meine politische Unbeschwertheit bekam die ersten Risse. Aber noch fanden sich sehr viele, für mich damals nachvollziehbare Gründe, warum das alles nichts Grundsätzliches in meinem Glauben und Denken ändern müsste.