Über die Jahre habe ich gelernt: Links ist man nicht, links handelt man. Dabei ist man nicht Vollstrecker des großen Weltenplans, sondern Akteur in einem unübersichtlichen Geflecht von Interessen, in denen sich auch die Widersprüche unserer Gesellschaft manifestieren. Hier einzugreifen, radikal demokratisch zu sein, Solidarität und soziales Handeln in die Waagschale der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen einzubringen, emanzipatorische statt autoritärer Lösungen zu befördern, das bedeutet für mich „Linkssein“. Nicht so sehr, von anderen und sich selbst regelmäßige Bekenntnisse für das Gute, Wahre und Schöne einzufordern – zumal hierüber sicherlich reichlich verschiedene Ansichten existieren. Dass hierbei nicht immer gleich alles erreicht wird, nicht sofort sämtliche Blütenträume reifen, sondern Beharrungsvermögen nötig ist, muss in Kauf genommen werden. Darunter ist es nicht zu haben. Max Weber traf ins Schwarze, als er die politische Aktivität einmal als das unermüdliche Bohren dicker Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft genannt hat. Das gilt auch für ehrenamtliches Engagement. Dabei bleibe ich: die beste Politik ist diejenige, welche die Beteiligten selbstbestimmt und emanzipiert selbst betreiben können. Repräsentation ist nötig, aber sie ist nicht der Weisheit letzter Schluss und darf schon gar keine Ausschließlichkeit für sich beanspruchen.
Linke Kultur und linkes politisches Denken lassen sich nach 1989/90 nicht mit der simplen Fortsetzung der bis dahin gültigen Maßstäbe in Ost wie West befördern. Die Linke muss sich unter den neuen Bedingungen eines global agierenden und sich immer mehr ausweitenden ökonomischen Totalitarismus neu definieren und neu agieren. Dies ist das Testfeld der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Ob es gelingt, ist offen. Eine Alternative hierzu gibt es für demokratische Sozialisten, soziale Demokraten und Linke nicht. Frau Merkel hat in einer Rede vor US-Industriellen schon einmal gezeigt, welche Debatten und Auseinandersetzungen noch ins Haus stehen. Sie sagte sinngemäß, die Demokratie müsse auf den Prüfstand, wenn die ökonomischen Ergebnisse sie nicht mehr rechtfertigten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Demokratie dabei nicht für zu leicht befunden wird.