Zurück zur Startseite

Das Chaos ist aufgebraucht...

Ostberlin bereitete sich auf die Zeit nach dem schönen Chaos vor. Die Berliner Polizei lernte schon mal die Quartiere der bisherigen Kollegen von der Deutschen Volkspolizei kennen, das Rote Rathaus wurde personell umgestrickt. Einzelne Lehrerinnen und Lehrer wurden an andere Schulen versetzt, ohne dass uns die Gründe mitgeteilt wurden. Schließlich war auch die Volkskammer nur noch ein Ort der Ratifikation des Anschlusses der DDR an die Bundesrepublik über Artikel 23 GG. Das Rechtssystem wurde sukzessive übernommen, ein Einigungsvertrag verhandelt, der noch heute die Ursache sozialer Diskrimierung der Ostdeutschen ist. Wir demonstrierten gegen den Anschluß, für eine bessere DDR. Was wir nicht ahnten war, dass dieser Zug abgefahren war. Unser Protest blieb ohne jede praktische Relevanz für den Lauf der Dinge.

Aus heutiger Sicht ist mir klar, dass in den Diskussionen dieser Monate in der DDR relativ schnell das wirtschaftliche und politische Modell der Bundesrepublik die Leerstelle füllte, die in der Perspektivendiskussion im und nach dem Zusammenbruch entstand. Die kritischen Geister der DDR, die eine unabhängige, bessere wollten, eine friedliche, solidarische, freie und gerechte DDR, waren auf diese Situation nicht vorbereitet. Es fehlte an einem praktischen Plan, der Perspektiven entfalten konnte, die zumindest der unmittelbaren Angliederung hätten entgegengehalten werden können. Weiten Teilen der Bevölkerung erschien der Glanz der harten D-Mark als Symbol für ein Wohlstandserfolgsmodell vorzugswürdig. Schließlich erfasste die postfordistische Modernisierung das gesamte geeinte Deutschland.

Es war für mich an der Zeit, mir zu überlegen, was sozialistisch und links eigentlich in der neuen Gegenwart für mich bedeutete. Dies führte dazu, dass ich bei den Protesten gegen den Golf-Krieg, die wir an der Schule organisiert hatten, mit genau den Menschen zu tun hatte, die mir noch zwei Jahre vorher – in der Wendezeit – „ideologisch“ suspekt waren: Mitglieder von Jungen Gemeinden, engagierte Töchter und Söhne aus bürgerlichen Familien. Das war eine gute und schöne Erfahrung. Wir waren an der Schule allerdings – nach den aufregenden Wendemonaten – bereits wieder eine Minderheit. Das Fernbleiben vom Unterricht wegen Protesten gegen einen Krieg wurde auch von den neuen vorgesetzten Behörden der Schule nicht als legitim erachtet. Viele stellten sich die Frage, ob sie unter diesen Umständen durch Engagement gegen den Krieg ihre Abschlussprüfung aufs Spiel setzen sollten.